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Mitteilungen des SOCIUM seit 2015, aber auch ältere Mitteilungen aus dem ZeS und EMPAS aus den Jahren 2014 bis 2008.

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Demenzreport 2020Demenzreport 2020
Ein aktueller Demenzreport der Universität Bremen mit Sekundärdaten der hkk ist am 19.11.2020 erschienen

Prof. Gerd Glaeske kritisiert Fehlversorgung mit Neuroleptika

In diesem Zusammenhang sind aber Männer und Frauen in ähnlicher Weise belastet. Die Analysen zeigen, der prozentuale Anteil an betroffenen hkk-Versicherten mit Neuroleptika-Verordnungen insgesamt über die Jahre sogar ansteigt.

Unterschiedliche Psychopharmaka und Schlafmittel, vor allem Neuroleptika und Benzodiazepine, werden zusammengenommen deutlich häufiger verordnet als Antidementiva. Diese sollten trotz mancher Zweifel an ihrer Wirksamkeit jedoch bevorzugt eingesetzt werden, um die Chance zu erhöhen, das Fortschreiten der Demenz zu verlangsamen.

„Es gibt keinen Grund, Demenzerkrankte mit konventionellen Neuroleptika zu behandeln, da nicht belegt ist, dass diese Medikamente Verhaltensstörungen bei den Betroffenen positiv beeinflussen“, sagt Glaeske.

Darüber hinaus verdichten sich seit einigen Jahren die Hinweise, dass Neuroleptika bei Demenzerkrankten schwerwiegende unerwünschte Folgen, wie etwa Herzinfarkt, Schlaganfall und Lungenentzündung haben können und mit einer insgesamt erhöhten Sterblichkeit zu rechnen ist. Die noch immer häufige Verordnungen ist auch deshalb besorgniserregend ist, weil die Zulassungsbehörden und auch die die pharmazeutischen Unternehmer schon vor mehr als 10 Jahren die Ärzt*innen auf das Risiko der des erhöhten Sterberisikos hingewiesen haben.

Außerdem können Neuroleptika bei Ruhelosigkeit und sogenanntem herausforderndem aggressivem Verhalten von Demenzpatient*innen möglicherweise zu einem rapiden Verfall der kognitiven Leistungsfähigkeit beitragen. Glaeske: „Eine kurzfristige Anwendung ist lediglich dann vertretbar, wenn die Betroffenen ohne entsprechende Medikation eine unbeherrschbare Gefährdung für sich oder andere sind.“

Hausärzt*innen in der Zwickmühle

Als Ursache für die häufige Anwendung von Neuroleptika über lange Zeiten nennen Forscher u. a. emotionales Stressempfinden bei den Betreuungspersonen (überwiegend bei den Pflegenden), das von Hilflosigkeit, Überforderung, Ärger, Unzufriedenheit und körperlicher Bedrohung geprägt ist.

Die Bremer Hausärztin und Geriaterin Dr. Heike Diederichs-Egidi kennt die immensen Belastungen von Angehörigen und Pflegekräften aus ihrem Praxisalltag: „Es ist für alle extrem belastend, wenn ein dementes Familienmitglied jede Nacht Kinder und Eltern aufweckt. Die Kinder schlafen in der Schule ein und die Eltern sind praktisch arbeitsunfähig. Da befinde ich mich als Hausärztin in einer Zwickmühle – wem werde ich jetzt wie gerecht und wessen gesundheitliches Risiko schätze ich höher ein?“ Natürlich verschreibe sie dann zunächst Neuroleptika, damit sich die Situation entschärft. Denn die gesundheitlichen Belastungen seien auch für pflegende Angehörige und Pflegekräfte enorm. „In den Pflegeheimen kommt der Personalmangel hinzu – diese Situation erlebe ich zunehmend als unwürdig.“ Gleichwohl lehnt auch sie die längerfristige Verordnung von Neuroleptika ab.

„Aktivierende Pflege statt chemischer Ruhigstellung“

Glaeske fordert deshalb, dass Verhaltensstörungen bei Demenz vorrangig durch eine Optimierung der Pflegesituation, ein gezieltes Training von Alltagsfertigkeiten oder durch milieutherapeutische Maßnahmen, wie Ergotherapie, behandelt werden. „Das Wichtigste ist, für die Erkrankten so lange wie möglich ihre Würde sowie Alltagsfähigkeiten aufrecht zu erhalten und ihnen Erinnerungen aus ihrer früheren Lebenszeit zu bewahren. Die immer noch weit verbreitete Verordnung von ruhigstellenden Mitteln bei Menschen mit Demenz ist langfristig keine akzeptable Strategie“, sagt der Bremer Arzneimittelexperte. „Insgesamt sollten zudem die sich mehrenden Hinweise auf Präventionsmöglichkeiten zur Verringerung der Alzheimerdemenz berücksichtigt werden – Bewegung, Ernährung, Kommunikation und Beschäftigungsmöflichkeiten gehören dazu.“

Diederichs-Egidi empfiehlt darüber hinaus die Verwendung von Biografiebögen und auf die jeweilige Person zugeschnittene Beschäftigungsangebote in Pflegeheimen, um den individuellen Bedürfnissen und Erfahrungen der Patient*innen gerecht werden zu können. „Nicht jeder will tagein, tagaus Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen“, so Diederichs-Egidi. Eine individuelle Ansprache helfe Demenzerkrankten, sich zu beruhigen.

Link zum Demenzreport 2020


Kontakt:
Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58559
E-Mail: gglaeske@uni-bremen.de

Fridays for Future – Die Jugend gegen den Klimawandel. Konturen der weltweiten Protestbewegung

Fridays for Future ist gelungen, was Umwelt-NGOs und Klimaprotesten in den 20 Jahren davor nicht gelungen ist. Das Thema Klimawandel ist von einem relativ abstrakten Thema, das auf internationalen Konferenzen verhandelt wird, zu einem Thema geworden, das Menschen zu zehntausenden auf die Straße bringt und das im halben Jahr vor Beginn der Corona-Pandemie in der Bevölkerung als das wichtigste Thema überhaupt galt. Mit Fridays for Future haben die Klimaproteste eine zuvor nie erreichte gesellschaftliche Breite und politische Aufmerksamkeit erlangt.
Doch wer beteiligt sich eigentlich an dieser sozialen Bewegung, was motiviert die Menschen zu protestieren und welche Einstellungen haben die Beteiligten? Dazu haben Sebastian Haunss (Leiter der AG Soziale Konflikte am SOCIUM) und Moritz Sommer (Institut für Protest- und Bewegungsforschung) die erste umfassende wissenschaftliche Studie veröffentlicht. Mehrere Umfragen unter Protestierenden aus dem Jahr 2019 bilden den Ausgangspunkt der Analyse des Buchs »Fridays for Future – Die Jugend gegen den Klimawandel. Konturen der weltweiten Protestbewegung«.
In zwölf Kapiteln geben die 28 Autor*innen des Buchs Einblicke in Entscheidungs- und Mobilisierungsstrukturen lokaler Fridays for Future-Gruppen, analysieren die Reaktionen auf die Proteste in Medien, Politik und Gesellschaft und untersuchen die Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Themen des Klimawandels. Die einzelnen Kapitel sind so geschrieben, dass sie einem breiteren Publikum einen Zugang zu den ersten Forschungsergebnissen zu Fridays for Future bieten. Das Buch ist gedruckt im Buchhandel und online als Open Access-Version erhältlich (https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5347-2).


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Prof. Dr. Sebastian Haunss
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58572
E-Mail: sebastian.haunss@uni-bremen.de

Bild Glaeske: ©Raphael Hünerfauth, photothek.netBild Glaeske: ©Raphael Hünerfauth, photothek.net
Spezifische Prävention als Grundlage der „Stabilen Kontrolle“

Die Epidemie durch SARS-CoV-2/Covid-19 hat eine große Dynamik erreicht. Die hohen Zahlen neu gemeldeter Infektionen und vor allem der langsam, aber deutlich ansteigende Anteil positiver Testergebnisse auf jetzt über 2,5% (im Ausland längst zweistellig) weisen
darauf hin, dass die Epidemie in der Bevölkerung eine weite Ausbreitung gefunden hat. Wegen der asymptomatischen Übertragung ist es unwahrscheinlich, dass man diese Dynamik durch die klassischen Mittel wie Kontaktbeschränkung und Nachverfolgung einfangen kann – bereits seit dem ersten Thesenpapier Anfang April hat die Autorengruppe mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass die allgemeinen Präventionsmaßnahmen immer mit spezifischen Maßnahmen kombiniert werden müssen.

Diese Maßnahmen haben sich

  • auf die verletzlichen Bevölkerungsgruppen und
  • auf (besonders berufsbedingte) Risikosituationen


zu konzentrieren.

Link zum Thesenpapier 5.0


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
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Prof. Dr. Philip Manow
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Foto Glaeske: ©Raphael Hünerfauth, photothek.netFoto Glaeske: ©Raphael Hünerfauth, photothek.net
Zahlen korrekt interpretieren | Spezifische Zielgruppen-orientierte Prävention | Moderne Risikokommunikation statt Lockdown-Drohung

Das Ergebnisprotokoll der Konferenz von Bundeskanzlerin, Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten vom 14.10.2020 veranlasst die Autorengruppe, mit einer dringlichen ad hoc Stellungnahme auf besorgniserregende Fehlentwicklungen hinzuweisen. Diese Fehlentwicklungen betreffen alle drei Sachgebiete, zu denen sich die Autorengruppen in ihren vier bisherigen Thesenpapieren bislang geäußert hat: Epidemiologie, Präventionskonzept und gesellschaftspolitische Implikationen.

Link zur ad hoc Stellungnahme


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
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Prof. Dr. Philip Manow
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Entwicklung und Erprobung eines einheitlichen Verfahrens erfolgreich abgeschlossen

Ausreichendes und qualifiziertes Personal ist in Pflegeeinrichtungen eines der wichtigsten Strukturmerkmale um gute Pflegequalität zu erzielen. Dennoch war bisher weder bekannt, welche Personalmengen bedarfsnotwendig sind, noch welcher Mix aus Pflegefach- und -assistenzkräften zur fachgerechten Versorgung erforderlich ist.
 
Ein Forscherteam der Universität Bremen unter der Leitung von Prof. Dr. Heinz Rothgang hat zur Klärung dieser Fragen im Jahre 2017 einen Entwicklungsauftrag der deutschen Pflegeselbstverwaltung erhalten. Das praktische Ziel war es, ein bundesweit einheitliches Verfahren zur Bemessung von Pflegepersonal wissenschaftlich fundiert zu entwickeln. 
 
Am 23.09.2020 ist die Abnahme und Veröffentlichung des Abschlussberichts erfolgt. Das Projekt ist damit abgeschlossen und das Personalbemessungsinstrument bereit für eine gestufte Einführung. Eine vollständige Umsetzung wird in stationären Einrichtungen der Langzeitpflege zu Mehrpersonal von zusätzlich gut einem Drittel der heutigen Belegschaft führen. Dabei werden hierzu weit überwiegend Pflegeassistenzkräfte mit einer Ausbildung im Umfang von 1 oder 2 Jahren nach Landesrecht einzusetzen sein.
 

Ein erster Einführungsschritt mit dem das Personalbemessungsverfahren in die Pflegeversicherung übernommen wird, ist bereits im Gesetzgebungsverfahren. So sollen mit dem Versorgungsverbesserungsgesetz zum 1.1.2021 bis zu 20.000 zusätzliche Pflegeassistenzkraftstellen besetzt werden können.


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Prof. Dr. Heinz Rothgang
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Der Innovationsreport 2020 bewertet Arzneimittel, die 2017 neu auf den deutschen Markt gekommen sind

Onkologika sind wie im letzten Jahr am häufigsten untersuchte Wirkstoffkategorie, sieben Arzneimittel zählen zu den immunsuppressiven Medikamenten und damit zu den zweithäufigsten Indikationen. Einem beschleunigten Verfahren zur Zulassung für den deutschen Markt unterlagen zwei Arzneimittel im Vergleich zu acht des Vorjahres: Spinraza® (Wirkstoff: Nusinersen), das in diesem Report eine besondere Rolle spielt, und Oxervate®, das bereits wieder außer Vertrieb ist.

Nusinersen ist als Arzneimittel zur Therapie der Spinalen Muskelatrophie (SMA) zugelassen. Der SMA, ihrer medikamentösen Behandlung und dem neuen Mittel Zolgensma® ist das diesjährige Sonderkapitel gewidmet. Außerdem wurde ein Kapitel den Besonderheiten in der Zulassung von Spinraza® und Zolgensma® in den Vereinigten Staaten und in der Europäischen Union gewidmet.

Insgesamt ergab die Bewertung aller untersuchten Wirkstoffe ein gemischtes Ergebnis: Im Gesamtscore, dem zusammengefassten Vergleich mit bereits existierenden Therapieoptionen, der Beurteilung nach patientenorientiertem (Zusatz)Nutzen und dem Kostenfaktor haben 16 Wirkstoffe eine rote, sieben eine gelbe und acht eine grüne Gesamt-Ampel. Dies ist im Vergleich zu früheren Reporten kein schlechtes Ergebnis, allerdings sind die Kosten pro Behandlung teils exorbitant angestiegen, am eindrücklichsten schlägt Nusinersen mit sechsstelligen Jahrestherapiekosten zu Buche.

Download Innovationsreport 2020:
Langfassung
Kurzfassung

Download:
Präsentation der Ergebnisse von Prof. Dr. Gerd Glaeske


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
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Heinz Rothgang als Sachverständiger bei Anhörung im Deutschen Bundestag

Am 9.9.20 wurden im Gesundheitsausschuss des Bundestages in einer öffentlichen Anhörung zwei Anträge der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen diskutiert. Die Anträge fordern im Kontext der Coronavirus-Pandemie, Pflegekräfte im stationären und ambulanten Sektor wertzuschätzen und zu entlasten - und dies auch über die akute Pandemiesituation hinaus aufrecht zu erhalten.

Link zur Anhörung im Deutschen Bundestag
 
Professor Heinz Rothgang wurde als Sachverständiger zu diesen Anträgen gehört. Er betont in seiner Stellungnahme , dass aktuelle Arbeiten sowohl im stationären Sektor als auch bei den informellen Pflegepersonen in häuslichen Pflegesituationen  zeigen, dass die ohnehin hohen Belastungen der Pflegetätigkeit aktuell verstärkt wurden. Als geeignete dauerhafte Entlastungen ist die Stärkung der professionellen Pflegepersonen durch bessere Entlohnung und höhere Personalschlüssel anzustreben. Für informelle Pflegepersonen ist langfristig eine Entlastung durch eine ordnungsrechtliche Flexibilisierung erforderlich, durch die strukturelle Überforderungen in gemischten Pflegearrangements vermieden werden können.



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Prof. Dr. Heinz Rothgang
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Ergebnisse einer Online-Befragung von informellen Pflegepersonen im erwerbsfähigen Alter

Wie eine Befragung von Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten gezeigt  hat, sind diese durch die Pandemie erheblichen zusätzlichen Belastungen unterworfen. Ein entsprechender Befund wurde nun von einem Forscherteam um Prof. Heinz Rothgang (SOCIUM) und Prof. Karin Wolf-Ostermann (IPP) nun auch für die häusliche Pflege durch pflegende Angehörige nachgewiesen. Befragt wurden hierfür mehr als 1.200 Personen, die als informelle Pflegepersonen registriert sind und die aufgrund ihres Alters von unter 67 Jahren potenziell einer Doppel- und Dreifachbelastung von Pflege, Beruf und eigener Familie ausgesetzt sind: Schnellbericht_Befragung_Häusliche Pflege.
 
Durchweg zeigt sich dabei, dass die wahrgenommene Lebensqualität und die Gesundheit der Pflegenden durch die veränderten Rahmenbedingungen der Coronavirus-Pandemie teils erheblich reduziert sind. Dies ist dabei nicht auf eine erfolgte Infektion mit dem Coronavirus zurückzuführen, sondern auf die Kombination aus zeitaufwändigerer Pflege, verminderten Unterstützungsmöglichkeiten, reduzierten Sozialkontakten und Homeoffice/Homeschooling. Die abgeleiteten politischen Empfehlungen konzentrieren sich daher darauf, weitere Unterstützungsangebote zu schaffen, mit denen die häuslichen Pflegekapazitäten langfristig stabilisiert und erhalten werden können.

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Prof. Dr. Heinz Rothgang
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Auftaktveranstaltung des Bremer Teilinstituts am 10.09.2020

Was treibt Gesellschaften auseinander – und was hält sie zusammen? Diese Doppelfrage hat wieder große Aktualität bekommen. Globalisierung, wachsende Ungleichheiten, Digitalisierung und wirtschaftlicher Strukturwandel, rechtspopulistische Strömungen und nun auch noch die Corona-Pandemie verunsichern viele Gruppen in der Gesellschaft.

Als Verbund aus elf Hochschul- und Forschungsinstituten erforscht das vom BMBF geförderte Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) in den kommenden vier Jahren gegenwärtige Herausforderungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts aus interdisziplinärer Perspektive. Es trägt diese Ergebnisse in die Öffentlichkeit und leitet Handlungsempfehlungen zur Stärkung des Zusammenhalts für die gesellschaftliche und politische Praxis ab.

An der Universität Bremen wird ein interdisziplinäres Team Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts mit Blick auf soziale Ungleichheiten und politische Konflikte untersuchen und in Transferprojekten den Dialog mit der Bremer Stadtgesellschaft suchen. Der thematische Fokus des Bremer Teilinstituts sind Gefährdungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, die aus ökonomischen Polarisierungsdynamiken und lebensweltlichen Segmentationsprozessen zwischen unterschiedlichen sozialen Milieus – insbesondere in den Mittelschichten – resultieren.

Anlässlich der Gründung des Bremer Teilinstituts gibt die Veranstaltung über Vorträge und Diskussionen einen Einblick in Fragestellungen, Forschungsansätze und Zielsetzungen, mit denen sich die Bremer Forscherinnen und Forscher beschäftigen werden. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Ort
Übersee-Museum
Bahnhofsplatz 13
28195 Bremen

Bei Teilnahme vor Ort schicken Sie bitte aufgrund der Corona-Regelungen bis zum 8.9.2020 eine E-Mail mit Ihrem Namen und Ihrer Adresse an: fgz@uni-bremen.de

Die Veranstaltung wird via Livestream über folgenden Link übertragen: http://unihb.eu/fgzstart (Kenncode: 3NGzdX). Es besteht die Möglichkeit, über Chat an der Diskussion teilzunehmen und Fragen zu stellen.

Programm

17:00 – 17:15

Einlass und Begrüßung
Grußwort des Rektors der Universität Bremen, Bernd Scholz-Reiter

17:15 – 17:35

Eröffnungsvortrag: Herausforderungen gesellschaftlichen Zusammenhalts
Olaf Groh-Samberg, Universität Bremen, Sprecher des Bremer Teilinstituts des FGZ

17:35 – 18:45

Wissenschaftliche Perspektiven: Die Erforschung gesellschaftlichen Zusammenhalts
Prof. Dr. Stephan Lessenich, Ludwig-Maximilians-Universität München
Prof. Dr. Eva Groß, Hochschule in der Akademie der Polizei Hamburg
Sebastian Haunss, Philip Manow, Patrick Sachweh, Projektleiter des Bremer Teilinstituts des FGZ

18:45 – 19:15 

Pause

19:15 – 20:30

Politische Diskussionsrunde: Die Gestaltung gesellschaftlichen Zusammenhalts
Anja Stahmann, Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport
Bettina Wilhelm, Landesbeauftragte für Frauen
Dr. Benedikt Rogge, Pastor, St. Ansgarii-Gemeinde
Joerg Helge Wagner, Mitglied der Chefredaktion des Weserkurier
Jasmina Heritani, QBZ Morgenland, Gröpelingen

Moderation: Elke Heyduck, Arbeitnehmerkammer Bremen

   
Programmflyer  
   
   
   

Kontakt:
Martin Bacher
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 9
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58624
E-Mail: martin.bacher@uni-bremen.de

Verbesserung der Outcomes in Sicht | Stabile Kontrolle: Würde und Humanität wahren | Diskursverengung vermeiden: Corona nicht politisieren

Die wichtigsten Botschaften auf einen Blick

(1) Nach der herdförmigen Ausbreitung (Cluster) dominiert jetzt die sporadische Dynamik: Zunahme der täglich neu gemeldeten Infektionen mit SARS-CoV-2/Covid-19 von ca. 300 Fällen/Tag auf derzeit ca. 1350 Fällen/Tag (34. KW), Ausweitung des wöchentlichen Testumfangs von 400.000 auf 900.000, Abfall der Rate positiver Testergebnisse 9% auf ca. 1% - neben den „Herden“ hat sich jetzt die homogene (sporadische) Ausbreitung in den Vordergrund geschoben. Diese Dynamik ist allein durch Testung und Nachverfolgung nicht zu beherrschen, sondern bedarf einer stabilen Kontrolle durch klug geplante, Zielgruppen-orientierte Präventionsmaßnahmen.

(2) Parallel zur Zunahme der gemeldeten Infektionen kommt es zu einer Abschwächung der klinischen Folgen: Die Zunahme der täglich neu gemeldeten Infektionen in den letzten fünf bis sechs Wochen ist nicht von einer Zunahme der Erkrankungen und Komplikationen gefolgt, stattdessen ist die Hospitalisierungsrate von über 20% auf 9% abgefallen, die intensivmedizinisch betreuten Patienten sanken von 3000 auf 230 und die Mortalität der Infizierten von 7% auf 0,4% (die Angabe der letzten
Wochen liegen noch niedriger, sind aber noch nicht abschließend zu bewerten). Bestätigt wird diese Tendenz durch das Patientenkollektiv, das die infizierten Mitarbeiter im Gesundheitswesen darstellen (n = 14.977 am 26.8.2020), wo die Dunkelziffer keine Rolle spielen sollte: hier liegt die Mortalität bei zwischen 0,12 und 0,16%. Als ursächlich für diese günstige Entwicklung sind die zunehmende Testung nicht-erkrankter Personen, ein jüngeres Durchschnittsalter und die Verbesserung der organisatorischen Abläufe in den Einrichtungen des Gesundheitswesens sowie der Pflegeeinrichtungen zu diskutieren. Es ist unklar, ob zusätzlich eine Veränderung des Virustyps vorliegt.


(3) Die sporadische Ausbreitung wird im begrenzten Umfang weiter zunehmen, kann aber aufgefangen werden: In einem groben Modell wird die weitere Ausbreitung durch vier Kompartimente determiniert: das „Grundrauschen“, die Reiserückkehrer, die Schul- bzw. Kindergartenöffnungen und die im Winter anstehende vermehrte Innenraumnutzung. Ein weiterer, auch deutlicher Anstieg der täglichen Neuinfektionen
kann daher nicht ausgeschlossen werden. Diese Situation ist zu bewältigen, wenn (1) spezifische Präventionsprogramme entwickelt werden, die die verletzlichen Gruppen schützen (unter aktiv umgesetzter Wahrung der individuellen Würde und Humanität), und
wenn (2) die Ressourcen des Gesundheitssystems (Organisation, Bettenkapazität) in der jetzigen Form aufrechterhalten werden. Therapie und Impfstoffentwicklung sind denkbare Lösungen, die Epidemie muss jedoch auch dann stabil kontrolliert werden, wenn sich hier Verzögerungen ergeben sollten.


(4) Bei massiver Ausdehnung des Testumfanges auf Niedrigprävalenz-Kollektive (Häufigkeit 1-3%) sind unkontrollierbare Probleme mit falsch-positiven Befunden zu erwarten, die von den Institutionen, die mit der Nachverfolgung beauftragt sind, nicht bewältigt werden können. Die Teststrategie muss daher auf die Strategie der Stabilen Kontrolle ausgerichtet sein, d.h. es müssen in erster Linie Kollektive mit höherer Prävalenz, Kollektive mit höherem oder unbekanntem Infektionsrisiko (z.B. Lehrer, Kindergartenmitarbeiter) und Kollektive mit hohem individuellem Risiko für Komplikationen (z.B. Bewohner von Pflegeheimen und deren Angehörige, ambulante Pflege) getestet werden.


(5) Die Definition der „Zweiten Welle“ sollte nicht auf starren Grenzwerten beruhen, sondern sich auf das Kriterium der mangelnden Abgrenzbarkeit von Herden und sporadischer Ausbreitung beziehen (ergänzt um eine regionale Komponente – mehr als 5 Gebietskörperschaften in mindestens zwei Bundesländern – und einen offiziell festgestellten Kontrollverlust).


(6) Primäres Ziel ist die „Stabile Kontrolle“ der Epidemie, eine Eradikation scheidet ebenso aus wie die Strategie der Herdenimmunität. Essentiell sind Zielgruppen-orientierte
Präventionsmaßnahmen für die besonders verletzlichen Gruppen in der Bevölkerung. Diese Schutzkonzepte müssen die Ziele der Infektionskontrolle genauso berücksichtigen wie Humanität und Würde der einzelnen Person, hierzu sind innovative Konzept zu entwickeln und umzusetzen.


(7) Mitarbeiter und Patienten/Bewohner/Betreute in den Institutionen des Gesundheitswesens, der Pflege- und Gemeinschaftseinrichtungen trugen zu Beginn der Epidemie mit bis zu 1000 Neuinfektionen pro Tag und fast 50% der Todesfälle durch Covid-19 in Deutschland einen großen Teil der Krankheitslast, jeweils zur Hälfte verteilt auf Mitarbeiter und Patienten/Bewohner/Betreute. 300 bzw. 200 gemeldete Neuinfektionen entfielen auf die Mitarbeiter im Gesundheitswesen und in den Pflegeeinrichtungen. Die Bewohner von Pflegeeinrichtungen wiesen in der Spitze bis zu 400 täglich gemeldete Neuinfektionen auf; diese Zahl ist auf ca. 20 Infektionen täglich abgefallen. Im Gesundheitswesen traten bei Patienten bis zu 80 (nosokomial erworbene) Neuinfektionen pro Tag auf, die Zahl lag in den letzten drei Wochen zwischen 0 und 18.

(8) Aktuell ist ein leichter Anstieg bei den Mitarbeitern und Betreuten der Gemeinschaftseinrichtungen nach §33 IfSG1 zu beobachten, der intensiver Beobachtung bedarf.


(9) Die Empfehlungen zum Tragen von Masken sind an die Baseline-Risiken anzupassen. Die durch Studien belegte relative Risikoverminderung um 80% bedeutet in
einem Hochrisikobereich (z. B. Gesundheitswesen, angenommene Infektionswahrscheinlichkeit 10%) eine absolute Risikodifferenz von 8%, so dass 12,5 Personen eine Maske tragen müssen, um eine Infektion zu verhindern, während in einem Niedrigrisikobereich (1 Stunde Aufenthalt Supermarkt, Infektionsrisiko von 0,01%) 12.500 Personen eine Maske tragen müssen, um eine Infektion zu verhindern.


(10) Corona nicht politisieren: Die Interpretation der epidemiologischen Situation und die Auseinandersetzung über die beste Strategie der Pandemiebekämpfung sollte nicht von Kalkülen kurzfristiger politischer Positionsvorteile dominiert werden und ist auch nicht als Gegenstand des anstehenden Wahlkampfes geeignet.


(11) Rationale Entscheidungsfindung, rationaler Diskurs: Auch die Pandemie rechtfertigt es nicht, von der Grundnorm einer begründet abwägenden Entscheidungsfindung abzugehen und die Erfordernisse eines transparenten, fairen und faktenbegründeten Diskurses zwischen Politik, Wissenschaft und Medien zu relativieren. Gerade in dieser Situation müssen die jeweiligen Rollenzuweisungen klar zu erkennen sein, um daraus abgeleitet die Verantwortlichkeiten in einem demokratischen Rechtsstaat abzugrenzen. Nur unter diesen Voraussetzungen ist es möglich, das Vertrauen der Bürger in die rechtsstaatlich demokratische Kommunikation zu stärken.

Link zum Thesenpapier 4.0


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