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Presse- und Kurzmitteilungen der Abteilung "Gesundheit, Pflege und Alterssicherung".

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Strategie: Stabile Kontrolle des Infektionsgeschehens | Prävention: Risikosituationen erkennen | Bürgerrechte: Rückkehr zur Normalität

Das Thesenpapier 3.0 baut auf den vorangegangenen Papieren auf, aktualisiert die epidemiologische Analyse und stellt den „Dritten Weg“ der spezifischen Prävention, die juristische Analyse und die Problematik der Corona-Tracing-App in den Vordergrund.

Die wichtigsten Botschaften auf einen Blick:

  • Sporadisches und epidemisches Muster differenzieren: In der epidemiologischen Analyse ist derzeit deutlich das sporadische Auftreten von den aktuellen Herdausbrüchen (bei kritischer Wohn- oder Arbeitssituation) zu abzugrenzen, beide müssen getrennt berichtet und adressiert werden.
  • Dysfunktionale Dramatisierung: Das Berichtswesen des Robert Koch-Institutes (RKI) bzw. der Bundesregierung muss dringend aktualisiert werden, ein hier vorgelegter Vorschlag umfasst die differenzierte Darstellung von sporadischen und epidemischen Fällen und den Bericht von Versorgungs-relevanten Krankheitszuständen (z.B. asymptomatische Infizierte, stationäre Behandlungsbedürftigkeit).
  • Stabile Kontrolle des Infektionsgeschehens: Eine Eradikation der Epidemie ist nicht erreichbar, möglich ist aber eine stabile Kontrolle sporadischer Fälle, vor allem aber von Herdausbrüchen (die nicht vorhersehbar und nicht zu verhindern sind).
  • Situation ist beherrschbar: Durch ein vorbereitetes und gut ausgerüstetes Gesundheitswesen ist die derzeitige Situation beherrschbar, daher sollte die Diskussion um die Aufhebung des Pandemie-Status und der Einschränkung der Grundrechte eröffnet werden (Wahrung der Verhältnismäßigkeit).
  • Balanced Infection Control Score: Zur Einschätzung der Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen ist eine mehrdimensionale Matrix notwendig, die nicht nur infektionsepidemiologische Kennzahlen umfasst, sondern auch solche aus den Bereichen Ökonomie, Grundrecht und Wissen/Ausbildung.
  • Der „dritte Weg“: Erfolgreiche Prävention umfasst neben allgemeinen und nachfassenden Maßnahmen vor allem Zielgruppen-orientierte, spezifische Maßnahmen, die ex ante primär das Auftreten von Risikosituationen zur Herdentstehung zu verhindern suchen. Der Öffentliche Gesundheitsdienst muss ausgebaut werden.
  • Klinische Forschung fördert den rationalen Umgang: die Aufarbeitung der klinischen
    und pflegerischen Fragestellungen, die Covid-19 betreffen, stellen ein zentrales Element
    eines rationalen Umgangs der Gesellschaft und der Bevölkerung mit der Epidemie dar.
  • Die Würde des Menschen: Besonders bei Langzeitpflege, Behinderungen oder im
    Prozess des Sterbens müssen alle erdenkbaren Anstrengungen unternommen werden,
    um Situationen und Maßnahmen zu verhindern, die die Würde des Menschen einschränken. Rechtlich erscheinen allgemeine Einschränkungen dann als besonders problematisch, wenn spezifische, individuelle Lösungen möglich sind und die Verhältnismäßigkeit durch die allgemeine Verbesserung der epidemiologischen Situation in Frage steht.
  • Corona-Tracing-App wirft beunruhigende Fragen auf: Anonymität, Standortbestimmung, Freiwilligkeit, Verhaltensmodifikation, Wirksamkeit und Effizienz – zu allen diesen Aspekten (und weiteren) sind erhebliche Zweifel angebracht.

 

Link zum Thesenpapier 3.0

 


Kontakt:
Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58559
E-Mail: gglaeske@uni-bremen.de

Abbildung des Corona-VirusAbbildung des Corona-Virus
Online Vortrags- und Diskussionsreihe des Wissenschaftsschwerpunkt Gesundheitswissenschaften beginnt am 24.06.2020

Die SARS-CoV-2 Pandemie hat eine enorme öffentliche, politische, wirtschaftliche und soziale Reaktion hervorgerufen, - ein Public Health Thema ist zum fast allgegenwärtigen Hauptthema unseres Alltags geworden. Viele Wissenschaftler*innen und Lehrende im Gesundheitsbereich sind in Krisenbewältigung, in fachliche Beratung oder in neu aufgelegte wissenschaftliche Studien eingebunden. Bei der großen Dynamik in der Entwicklung der Krankheit und der gesellschaftlichen sowie politischen Reaktionen bleibt jedoch oft nicht genügend Zeit für Austausch und Diskussion.

Der WSP Gesundheitswissenschaften bietet in Zusammenarbeit mit dem Zukunftsforum Public Health hierfür ein kurzfristig entwickeltes Online-Angebot zu ausgesuchten Themen rund um COVID-19 und Public Health.

Die Themen sind:

24.06.2020   Covid-19: Strategien und ihrer Implikationen.

30.06.2020   Soziale Ungleichheit, Rassismus und Covid-19

07.07.2020   Applaus für die Pflege - tatsächlich eine Anerkennung

14.07.2020  Risikostatus, Stereotype und Stigma in der Corona-Pandemie

Nähere Informationen finden Sie hier.


Kontakt:
Prof. Dr. Heinz Rothgang
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58557
E-Mail: rothgang@uni-bremen.de

Dipl. Soz. Kai Huter
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Datenbasis verbessern | Prävention gezielt weiterentwickeln | Bürgerrechte wahren

Die Entwicklung der Pandemie SARS-CoV-2/Covid-19 hat sich in den letzten Wochen dynamisch weiterentwickelt, so dass es angezeigt erschien, eine Version 2 des erstmals am 5.4.2020 veröffentlichten Thesenpapiers auszuarbeiten. Die Dreiteilung in Epidemiologie, Prävention und gesellschaftspolitische Implikationen wurde von der Autorengruppe dabei nicht verändert. Besonders die Problematisierung der sozialen und politischen Konsequenzen rief zahlreiche positive Reaktionen hervor, so dass die AutorInnen sich in der grundsätzlichen Haltung bestärkt fühlen, dass adäquate Lösungen der derzeitigen Krise nur durch eine möglichst breit aufgestellte Argumentation erreicht werden können. Außerdem erscheint die Art der Kommunikation von Wichtigkeit: nach den Prinzipien der Risikokommunikation ist in einer solchen Situation ein sachlicher und gelassener Austausch von Argumenten geboten, der nichts beschönigt, aber auch nichts unnötig dramatisiert. Alle Beteiligten müssen darauf hinwirken, dass es nicht zu geschlossenen Argumentationsketten kommt, die anderslautenden Nachrichten keinen Raum mehr geben können.

Ein guter Ausgangspunkt einer solchen nüchternen Herangehensweise könnte die klar geäußerte, deutlich ausgesprochene Erkenntnis sein, dass SARS-CoV-2/Covid-19 eine typische Infektionskrankheit darstellt, die bestimmte Eigenschaften und – natürlich – enorme Auswirkungen auf die Gesundheit, auf die Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung und auf die sozialen Systeme haben kann (These 1). Wir werden im Detail noch mehrere Besonderheiten dieser Infektionskrankheit kennenlernen, aber sie stellt keinen Anlass dafür dar, in quasi metaphysischer Überhöhung alle Regeln, alles Gemeinsame, alles Soziale in Frage zu stellen oder sogar außer Kraft zu setzen. Dies gilt insbesondere für den Umgang mit den „vulnerablen Gruppen“, wo auf der Suche nach spezifischen Präventionsstrategien unsere gesellschaftliche Lösungskompetenz doch phantasievoller und erfindungsreicher ausgestattet sein müsste, als dies durch den mechanistischen Reflex zu „Kontaktsperren“ und „sozialer Isolation“ reflektiert wird.

Das jetzt vorliegende Thesenpapier 2.0 trifft aus der Vielzahl der Themen eine Auswahl. Analog zum Verfahren der Technikfolgen-Abschätzung wird ein mehrdimensionaler Zugang gewählt. Es wird versucht, eine tagesaktuelle Übersicht über die zur Verfügung stehende Literatur zu geben, die jedoch wegen des rasch wachsenden Wissensstandes immer auch Lücken aufweisen wird.

Link zum Thesenpapier 2.0


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Befragung soll aktuelle und verlässliche Daten zur Situation in Pflegeheimen und bei ambulanten Pflegediensten erbringen

Schon vor Corona standen ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen  vor großen Herausforderungen, wie einem eklatanten Pflegekräftemangel, die sich im Zug der Corona-Pandemie noch verstärkt haben. Pflegebedürftige sind eine hoch vulnerable Gruppe, für die jeder Kontakt zu anderen Menschen ein Risiko beinhaltet. Sie können die Kontakte aber nicht wie anders Menschen reduzieren, da auf Unterstützung und Pflege angewiesen. Wie gehen Pflegeeinrichtungen mit dieser Situation um, vor welchen Problemen stehen sie und was kann getan werden, um sie zu unterstützen?

 

Belastbare Zahlen zur Situation in Pflegeeinrichtungen, die eine Voraussetzung für gezielte Hilfe sind, gibt es aber nicht. Dem will eine umfassende Online-Befragung abhelfen, die ein Team um Heinz Rothgang (SOCIUM) und Karin Wolf-Ostermann (Institut für Public Health und Pflegeforschung) organisiert. Mehr als die Hälfte der 18.000 Pflegeeinrichtungen in Deutschland werden gebeten, Auskunft über Ausstattung, Bedarf und Umgang mit den akuten Problemen zu geben. Die Befragung soll nicht nur für eine aktuelle, solide Datengrundlage sorgen, sondern auch die Basis für konkrete Empfehlungen an das Bundesgesundheitsministerium bilden.

weitere Informationen:

butenunbinnen.de/videos/isolation-in-pflegeheimen
butenunbinnen.de/videos/corona-in-bremer-pflegeheimen
butenunbinnen.de/nachrichten/gesellschaft/pflegeheime-bremen-massnahmen-corona


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Prof. Dr. Heinz Rothgang
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Datenbasis verbessern | Prävention gezielt weiterentwickeln | Bürgerrechte wahren

Der vorliegende Text stellt sich der Aufgabe, die epidemiologische Problemlage wissenschaftlich zu klären und aus der gegebenen Situation Empfehlungen für wirksame Präventionsmaßnahmen abzuleiten. Die Vorschläge zur Prävention werden in einen gesellschaftspolitischen Rahmen gestellt, der für die Autoren in einem unauflösbaren Zusammenhang mit den geschilderten Sachverhalten steht. Dem umfangreichen analytischen Teil wird eine kürzere Zusammenfassung vorangestellt, die eine schnelle Orientierung über die vertretenen Standpunkte ermöglichen soll. Wie für ein Thesenpapier nicht anders zu erwarten, werden die wichtigsten Ergebnisse zu drei Thesen mit entsprechenden Unterpunkten verdichtet, die wortgleich in der Zusammenfassung und am Ende der jeweiligen Kapitel zu finden sind. Die Autoren bemühen sich um eine klare Benennung der Fakten und Probleme. Sie
verbinden hiermit keine Kritik an den handelnden Personen, die in den zurückliegenden Wochen unter den Bedingungen einer – die Steigerung sei erlaubt – „noch
unvollständigeren Information“ entscheiden mussten als dies heute der Fall ist. In jeder Beziehung sind die Ausführungen dieses Thesenpapiers als konstruktive Beiträge gedacht, die den Zweck verfolgen, die Entscheidungen der kommenden Wochen zu unterstützen.

Link zum Thesenpapier


Kontakt:
Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58559
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Die BKK-Arzneimittelberatung hat den aktuellen Stand zusammengefasst.

Ausgangspunkt für diese Frage war eine Nachricht in den sozialen Medien über eine vermeintliche Untersuchung der Uniklinik Wien, gemäß welcher Ibuprofen den Verlauf von Covid-19 verschlechtern würde. Diese „Fake News“, welche durch die Uniklinik Wien zeitnah dementiert wurden, brachten dennoch einige Verunsicherung mit sich.

 

In einem Leserbrief, welcher in der Fachzeitschrift The Lancet publiziert wurde, stellen die Autoren aufgrund theoretischer Überlegungen die Hypothese auf, dass es einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Ibuprofen und einem erhöhten Infektionsrisiko mit dem neuen Coronavirus geben könnte. Sie begründen dies damit, dass SARS-CoV-2 über ein bestimmtes Enzym namens ACE2 an seine Wirtszelle bindet. Das Vorhandensein dieses Enzyms könne durch Ibuprofen erhöht werden und somit würde eine Infektion mit SARS-CoV-2 begünstigen. Es gibt derzeit zu dieser Hypothese keinerlei wissenschaftliche Untersuchungen, sodass jegliche Belege dafür fehlen.

Die WHO hatte zunächst in einer Pressekonferenz mitgeteilt, dass in der Selbstmedikation Paracetamol gegenüber Ibuprofen bei Verdacht auf Covid-19 zu bevorzugen sei, korrigierte diese Aussage jedoch am Tag darauf und rät nun nicht von der Einnahme von Ibuprofen ab. 

Auch die europäische Arzneimittelbehörde EMA teilt die Einschätzung, dass es keine wissenschaftliche Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Ibuprofen und einer Verschlechterung von Covid-19 gibt. Wenn im Rahmen von Covid-19 ein Mittel gegen Fieber und/oder Schmerzen einsetzt werden soll, so sollen alle Möglichkeiten einschließlich Paracetamol und Ibuprofen berücksichtigt werden. Jedes Mittel hat dabei sein eigenes Nutzen-Risiko-Profil, welches in der jeweiligen Fachinformation dargestellt wird. Die EMA weist zudem ausdrücklich darauf hin, dass es für Patienten, die Ibuprofen aufgrund einer Erkrankung regelmäßig einnehmen, keinerlei Evidenz gibt, dieses abzusetzen. Daher sollten Patienten, die Ibuprofen ärztlich verordnet bekommen, die Behandlung keinesfalls ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt abbrechen.

Für Ibuprofen gilt generell, dass es gemäß Fachinformation bei älteren Patienten und solchen mit Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Herzinsuffizienz und chronischen Atemwegserkrankungen nur unter besonders sorgfältiger ärztlicher Überwachung angewendet werden sollte. Bei diesen Patientengruppen ist daher nach Möglichkeit Paracetamol vorzuziehen.

 

Quellen:

Med. Universität Wien: Pressemitteilung vom 14. März 2020, https://www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/detailseite/2020/news-im-maerz/angebliche-forschungsergebnisse-der-wiener-uniklinik-rund-um-das-covid-19-virus-und-ibuprofen-sind-fake-news/

Fang et al.: Lancet Respir. Med., online publ. am 11. März 2020, doi: 10.1016/S2213-2600(20)30116-8, https://www.thelancet.com/action/showPdf?pii=S2213-2600%2820%2930116-8

https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2020/03/18/who-ibuprofen-nicht-ohne-aerztlichen-rat/chapter:all

EMA: Pressemitteilung vom 18. März 2020, https://www.ema.europa.eu/en/documents/press-release/ema-gives-advice-use-non-steroidal-anti-inflammatories-covid-19_en.pdf

Fachinformation Ibuprofen, https://www.fachinfo.de/

 

Link zur Homepage der BKK-Arzneimittelberatung


Kontakt:
Apothekerin Anja Lübs
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58531
E-Mail: anja.luebs@uni-bremen.de

Prof. Dr. Gerd Glaeske Foto Raphael Huenerfauth, Photothek.netProf. Dr. Gerd Glaeske Foto Raphael Huenerfauth, Photothek.net
Gerd Glaeske hält zunehmende Lieferengpässe für wahrscheinlich

Im Bereich der chronischen Erkrankungen oder generell bei häufig verwendeten Arzneimitteln kommen sogenannte Generika zum Einsatz, mehr als 75 Prozent aller Arzneimittelverordnungen. Meistens werden diese Arzneimittel in Indien und China produziert. Dies bedeutet lange Lieferketten, Qualität, Herstellungsbedingungen und Zuverlässigkeit können darunter leiden. In China sind auch die Regionen vom Coronavirus betroffen, in denen die Mittel hergestellt werden, das wird die Lieferschwierigkeiten sicherlich verschärfen.

Weitere Informationen


Kontakt:
Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58559
E-Mail: gglaeske@uni-bremen.de

Autorenteam des SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen erstellt Pflegereport 2019 im Auftrag der BARMER

Heute wurde im Tagungszentrum im Haus der Bundespressekonferenz der diesjährige BARMER Pflegereport vorgestellt. Darin wurden insbesondere die neuen Wohn- und Pflegeformen analysiert. Zudem wurde ein Rückblick auf 25 Jahre Pflegeversicherung vorgenommen. Die Autoren Professor Dr. Heinz Rothgang und Dr. Rolf Müller liefern weiterhin vertiefende Untersuchungen zu Fallzahlen, Inzidenzen, Prävalenzen und Pflegeverläufen. Wesentliche Datengrundlagen sind die Pflegestatistik 2017 und die Routinedaten der BARMER.

Finanzielle Anreizstruktur für die Schaffung neuer Wohn- und Pflegeformen
Die maximalen Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherung für Langzeitpflege liegen bei ambulanter Versorgung rund doppelt so hoch wie bei stationärer Versorgung. Dies ist darin begründet, dass - anders als in der stationären Versorgung - in der ambulanten Versorgung zusätzlich zu den Pflegesachleistungen und Betreuungsleistungen noch Tages- und Nachtpflege, Leistungen zu wohnumfeldverbessernden Maßnahmen, Wohngruppenzuschläge, Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege mit der Pflegekasse abgerechnet werden können. Hinzu kommt noch die Erstattung der häuslichen Krankenpflege durch die Krankenkasse, die in der vollstationären Versorgung prinzipiell schon im Pflegesatz enthalten ist, aber in der ambulanten Versorgung separat abgerechnet wird. Hieraus resultieren Anreize für Leistungsanbieter, Pflege ambulant statt stationär anzubieten.

Organisatorische Anreizstrukturen für die Schaffung neuer Wohn- und Pflegeformen
Zudem ist die Versorgung in Pflege-Wohngemeinschaften in deutlich geringerem Maße als die Versorgung im Pflegeheim durch das Heimgesetz oder entsprechendes Landesrecht reguliert. Kontrollen, Meldepflichten, Personalvorgaben, Qualitätssicherung oder räumliche Anforderungen sind weitaus weniger verlangt. Versorgung in betreutem Wohnen ist fast gar nicht reguliert.

Beträchtliches Ausmaß an neuen Wohn- und Pflegeformen
Beide Anreize haben Wirkung gezeigt: Derzeit ist auf Grundlage verschiedener Studien bei steigender Tendenz von bis zu 8.000 betreuten Wohnanlagen mit etwa 150.000 Pflegebedürftigen und rund 4.000 Pflege-Wohngemeinschaften mit etwa 31.000 Pflegebedürftigen auszugehen, von denen nach Hochrechnungen der BARMER-Daten 20.400 auch den Wohngruppenzuschlag der Pflegeversicherung nutzen.

Finanzielle Konsequenzen aus den neuen Wohn- und Pflegeformen
Obwohl in den neuen Wohn- und Pflegeformen die maximalen Leistungssummen nicht gänzlich genutzt werden, liegen die tatsächlich in Anspruch genommenen Leistungssummen in der Regel oberhalb der Leistungssummen, die in der stationären Versorgung genutzt werden. In der Summe resultieren daraus im Jahr 2018 in betreutem Wohnen Mehrausgaben von 215 Millionen Euro gegenüber der vollstationären Versorgung. Für die geschätzten 20.400 Bewohner von Pflege-Wohngemeinschaften, die den Wohngruppenzuschlag der Pflegeversicherung nutzen, ergeben sich im Vergleich zur Versorgung im Pflegeheim Mehrausgaben von 184 Millionen Euro im Jahr 2018.

Keine bessere Pflegequalität in den neuen Wohn- und Pflegeformen
Hinsichtlich der pflegerelevanten Outcomes in betreutem Wohnen und in den Pflege-Wohngemeinschaften wurden in bisherigen Studien kaum signifikante Effekte gefunden. In der Summe zeigen sich positive Effekte auf Bewohnerebene eher in umfassenden Konstrukten wie Lebensqualität.
Mit den BARMER-Daten sind die Pflegebedürftigen in betreutem Wohnen und in Pflege-Wohngemeinschaften mit den Pflegebedürftigen im Pflegeheim anhand von fünf Qualitätsindikatoren verglichen worden. Bei den Bewohnern in betreutem Wohnen und in den Pflege-Wohngemeinschaften sind Arztkontakte seltener und auch die Verordnungen von Antipsychotika. In betreutem Wohnen werden aber mehr Neudiagnosen von Dekubitus und mehr ambulant-sensitive Krankenhausfälle (Krankenhausfälle mit Entlassungsdiagnosen, bei denen unterstellt wird, dass sie oftmals vermieden werden könnten, wenn eine angemessene ambulante Versorgung stattgefunden hätte) festgestellt.
Eine höhere Leistungssumme ist somit nicht mit einer besseren Pflegequalität verbunden. Entsprechende Versorgungsangebote sind daher kritisch zu sehen.

Download:
BARMER Pflegereport 2019
Statement von Prof. Rothgang anlässlich der Pressekonferenz
Folienvortrag von Prof. Rothgang anlässlich der Pressekonferenz


Kontakt:
Prof. Dr. Heinz Rothgang
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58557
E-Mail: rothgang@uni-bremen.de

Dr. rer. pol. Rolf Müller
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58554
E-Mail: rmint@uni-bremen.de

Cover Innovationsreport 2019Cover Innovationsreport 2019
Studie zu innovativen Arzneimitteln des Jahres 2016 in der Versorgungsrealität

Der diesjährige Innovationsreport bewertet 21 Wirkstoffe der insgesamt 31 Arzneimittel, die im Jahr 2016 neu auf den Markt gekommen sind.

Am häufigsten wurden Onkologika bewertet, fünf Arzneimittel enthalten antivirale Wirkstoffe, drei sind rekombinante Gerinnungsfaktoren. Die restlichen Wirkstoffe verteilen sich auf acht weitere Indikationen. Zum ersten Mal wurde in diesem Report auch ein Impfstoff bewertet. Dabei handelt es sich um den HPV-Impfstoff, der u.a. vor Gebärmutterhalskrebs schützt. Acht Arzneimittel kamen im Rahmen eines beschleunigten Zulassungsverfahrens auf den Markt.

Das Sonderkapitel des Reportes widmet sich dem aktuellen Thema „Impfen und Impfpflicht“ und bespricht insbesondere Masern-, HPV- und Grippeimpfungen.

Die Daten des RKIs, der KiGGS-Studie aber auch der Weltgesundheitsorganisation verdeutlichen, dass die gewünschten Masernimpfquoten noch nicht erreicht werden konnten und weiterhin ein großer Handlungsbedarf besteht. Sie zeigen aber auch, dass mit der Impfpflicht, wie sie bereits in einigen europäischen Ländern eingeführt wurde, das Ziel der Elimination der Masern ebenfalls nicht erreicht wurde. Im Innovationsreport 2019 werden darum verschiedene Ansätze vorgestellt, wie eine Erhöhung der Impfquoten gelingen könnte, welche die Argumente der Impfgegner sein könnten und verdeutlicht die große Bedeutung der Arzt-Patienten-Kommunikation in diesem Zusammenhang. Die Schlussfolgerung aus diesem Kapitel ist, dass eine Masernimpfpflicht nur die Ultima Ratio sein sollte – zunächst müssen Aufklärungs- und Informationskampagnen ergriffen und intensiviert werden.

Jüngste Studien machen deutlich, dass die HPV-Impfungen Wirkungen zeigen, also die Häufigkeit der Vorstufen zum Gebärmutterhalskrebs sinkt und dass die Zahl der HPV-geimpften Jungen steigt. Auch hier ist die Arzt-Patienten-Kommunikation ausschlaggebend – schließlich sind es junge Menschen, die mit der Entscheidung für eine Impfung Risiken für Erkrankungen, die sich erst viel später im Leben entwickeln können, minimieren sollen.

Bezüglich der Grippe-Impfungen gibt es Hinweise, dass es sinnvoll ist, die Zielgruppe zu ändern. Statt generell Menschen ab 60 Jahren zu impfen, sollten es nach aktueller Studienlage besser Kinder und Jugendliche sein. Dadurch kann eher ein schützender „Herdeneffekt“ eintreten, weil bei Menschen ab 60 Jahren das Immunsystem weniger gut auf die Impfung anspricht.

Im Ergebnis des Innovationsreports 2019 konnten zwar fünf Arzneimittel mit einer „grünen“ Gesamtampel bewertet werden, verglichen mit dem letzten Jahr dämpft der Anstieg der „roten“ Ampeln (61% aller bewerteten Arzneimittel) aber die Hoffnung auf eine positive Entwicklung neu zugelassener Arzneimittel. Für sechs Arzneimittel wurden Rote-Hand-Briefe mit wichtigen Informationen für Ärzte und Patienten verschickt. Auch dies bestätigt die Annahme, dass aktuelle Zulassungsstudien nur ein eingeschränktes Bild von Wirkungen und Nebenwirkungen liefern, Pharmakovigilanzstudien im „Nachmarkt“ also dringend nötig sind.

Zweifel, ob Empfehlungen immer neutral und unabhängig erstellt werden, kommen aufgrund der Tatsache auf, dass 13 Wirkstoffe in Leitlinien und Therapieempfehlungen aufgenommen wurden, obwohl sechs davon eine negative Gesamtbewertung erhalten haben.

Arzneimittel, die eine echte therapeutische Innovation darstellen und mit einer grünen (Zusatz)-Nutzen-Ampel bewertet wurden, sind die Impfung gegen humane Papillom-Viren und im Bereich der Krebstherapie zur Behandlung des multiplen Myeloms (Daratumumab und Elotuzumab) sowie bei der Behandlung der chronischen Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (Sacubitril/Valsartan) zu finden. Nur ein Arzneimittel (Elbasvir/Grazoprevir) ist günstiger als die zweckmäßige Vergleichstherapie und wurde in dieser Kategorie mit einer grünen Ampel bewertet. Zwölf Mal zeigt die Kostenampel gelb, vier Mal rot. Beim Blick auf den Vergleich mit bereits verfügbaren Therapien zeigt die Ampel bei fünf Arzneimitteln grün, bei vier gelb und bei 14 rot. Damit stellen nur neun der neu in den Markt gebrachten Arzneimittel eine positiv zu bewertende Ergänzung des Arzneimittelrepertoires dar.

 

Download Innovationsreport 2019:
Langfassung
Kurzfassung

Download:
Präsentation der Ergebnisse von Prof. Dr. Gerd Glaeske


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
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Thomas Kalwitzki Sachverständiger bei der Anhörung des Bundestagsausschusses für Gesundheit

Der Ausschuss für Gesundheit des Deutschen Bundestages lud am 8. Mai 2019 17 Sachverständige und Verbandsvertreter zu einer Öffentlichen Anhörung. Gegenstand waren Anträge von Bündnis 90/Die Grünen, der Linken sowie der FDP zur Reform der Finanzierung der Pflegeversicherung. Heinz Rothgang hatte dazu vorab eine Stellungnahme verfasst, zu der Thomas Kalwitzki dann in der Anhörung Fragen beantwortete.

Rothgang und Kalwitzki beklagen dabei erhebliche Gerechtigkeitsdefizite zwischen den beiden Zweigen der gesetzlichen Pflegeversicherung: der privaten Pflegepflichtversicherung und der Sozialen Pflegeversicherung. Diese führen zu einer nicht zu rechtfertigenden ungleichen finanziellen Lastenverteilung zwischen den beiden Versichertenkollektiven: Da die privat Pflegeversicherten geringere Pflegerisiken bei gleichzeitig höheren Einkommen aufweisen, wäre ein kostendeckender Beitragssatz für diese Personen nur rund ein Viertel so hoch wie bei den Sozialversicherten. Privat Versicherte sind im aktuellen Finanzierungssystem somit deutlich geringer belastet, als gesetzlich Versicherte. Damit widerspricht die derzeitige Regelung dem Postulat des Bundesverfassungsgerichts, das eine „ausgewogene Lastenverteilung“ zwischen den beiden Zweigen der „Pflegevolksversicherung“ gefordert hat.

Um dies zu ändern und die Finanzierungslast solidarisch zu verteilen, plädierten Rothgang und Kalwitzki für die Einführung einer Pflegebürgerversicherung. Diese sieht neben einer Integration der privat Pflegeversicherten in den gesetzlichen Zweig vor, weitere Einnahmearten (zum Beispiel Zinsgewinne oder Mieteinnahmen) zu verbeitragen sowie die Beitragsbemessungsgrenze anzuheben. Hierdurch wird eine finanzielle Entlastung von allen heute gesetzlich Versicherten und von einkommensschwächeren Privatversicherten erreicht.

Rothgang und Kalwitzki verwiesen zusätzlich darauf, dass eine solche Bürgerversicherung im Bereich der Pflege deutlich einfacher umzusetzen sei als etwa in der Krankenversicherung. Grund hierfür sind die bereits heute weitgehend homogenen Regelungen im Leistungs- und Leistungserbringungsrecht, durch die Widerstände und Umsetzungsschwierigkeiten wie im Krankenversicherungssektor nicht auftreten.


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