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Presse- und Kurzmitteilungen der Abteilung "Gesundheit, Pflege und Alterssicherung".

Autorenteam des SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen erstellt Pflegereport 2019 im Auftrag der BARMER

Heute wurde im Tagungszentrum im Haus der Bundespressekonferenz der diesjährige BARMER Pflegereport vorgestellt. Darin wurden insbesondere die neuen Wohn- und Pflegeformen analysiert. Zudem wurde ein Rückblick auf 25 Jahre Pflegeversicherung vorgenommen. Die Autoren Professor Dr. Heinz Rothgang und Dr. Rolf Müller liefern weiterhin vertiefende Untersuchungen zu Fallzahlen, Inzidenzen, Prävalenzen und Pflegeverläufen. Wesentliche Datengrundlagen sind die Pflegestatistik 2017 und die Routinedaten der BARMER.

Finanzielle Anreizstruktur für die Schaffung neuer Wohn- und Pflegeformen
Die maximalen Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherung für Langzeitpflege liegen bei ambulanter Versorgung rund doppelt so hoch wie bei stationärer Versorgung. Dies ist darin begründet, dass - anders als in der stationären Versorgung - in der ambulanten Versorgung zusätzlich zu den Pflegesachleistungen und Betreuungsleistungen noch Tages- und Nachtpflege, Leistungen zu wohnumfeldverbessernden Maßnahmen, Wohngruppenzuschläge, Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege mit der Pflegekasse abgerechnet werden können. Hinzu kommt noch die Erstattung der häuslichen Krankenpflege durch die Krankenkasse, die in der vollstationären Versorgung prinzipiell schon im Pflegesatz enthalten ist, aber in der ambulanten Versorgung separat abgerechnet wird. Hieraus resultieren Anreize für Leistungsanbieter, Pflege ambulant statt stationär anzubieten.

Organisatorische Anreizstrukturen für die Schaffung neuer Wohn- und Pflegeformen
Zudem ist die Versorgung in Pflege-Wohngemeinschaften in deutlich geringerem Maße als die Versorgung im Pflegeheim durch das Heimgesetz oder entsprechendes Landesrecht reguliert. Kontrollen, Meldepflichten, Personalvorgaben, Qualitätssicherung oder räumliche Anforderungen sind weitaus weniger verlangt. Versorgung in betreutem Wohnen ist fast gar nicht reguliert.

Beträchtliches Ausmaß an neuen Wohn- und Pflegeformen
Beide Anreize haben Wirkung gezeigt: Derzeit ist auf Grundlage verschiedener Studien bei steigender Tendenz von bis zu 8.000 betreuten Wohnanlagen mit etwa 150.000 Pflegebedürftigen und rund 4.000 Pflege-Wohngemeinschaften mit etwa 31.000 Pflegebedürftigen auszugehen, von denen nach Hochrechnungen der BARMER-Daten 20.400 auch den Wohngruppenzuschlag der Pflegeversicherung nutzen.

Finanzielle Konsequenzen aus den neuen Wohn- und Pflegeformen
Obwohl in den neuen Wohn- und Pflegeformen die maximalen Leistungssummen nicht gänzlich genutzt werden, liegen die tatsächlich in Anspruch genommenen Leistungssummen in der Regel oberhalb der Leistungssummen, die in der stationären Versorgung genutzt werden. In der Summe resultieren daraus im Jahr 2018 in betreutem Wohnen Mehrausgaben von 215 Millionen Euro gegenüber der vollstationären Versorgung. Für die geschätzten 20.400 Bewohner von Pflege-Wohngemeinschaften, die den Wohngruppenzuschlag der Pflegeversicherung nutzen, ergeben sich im Vergleich zur Versorgung im Pflegeheim Mehrausgaben von 184 Millionen Euro im Jahr 2018.

Keine bessere Pflegequalität in den neuen Wohn- und Pflegeformen
Hinsichtlich der pflegerelevanten Outcomes in betreutem Wohnen und in den Pflege-Wohngemeinschaften wurden in bisherigen Studien kaum signifikante Effekte gefunden. In der Summe zeigen sich positive Effekte auf Bewohnerebene eher in umfassenden Konstrukten wie Lebensqualität.
Mit den BARMER-Daten sind die Pflegebedürftigen in betreutem Wohnen und in Pflege-Wohngemeinschaften mit den Pflegebedürftigen im Pflegeheim anhand von fünf Qualitätsindikatoren verglichen worden. Bei den Bewohnern in betreutem Wohnen und in den Pflege-Wohngemeinschaften sind Arztkontakte seltener und auch die Verordnungen von Antipsychotika. In betreutem Wohnen werden aber mehr Neudiagnosen von Dekubitus und mehr ambulant-sensitive Krankenhausfälle (Krankenhausfälle mit Entlassungsdiagnosen, bei denen unterstellt wird, dass sie oftmals vermieden werden könnten, wenn eine angemessene ambulante Versorgung stattgefunden hätte) festgestellt.
Eine höhere Leistungssumme ist somit nicht mit einer besseren Pflegequalität verbunden. Entsprechende Versorgungsangebote sind daher kritisch zu sehen.

Download:
BARMER Pflegereport 2019
Statement von Prof. Rothgang anlässlich der Pressekonferenz
Folienvortrag von Prof. Rothgang anlässlich der Pressekonferenz


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Prof. Dr. Heinz Rothgang
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58557
E-Mail: rothgang@uni-bremen.de

Dr. rer. pol. Rolf Müller
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
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Cover Innovationsreport 2019Cover Innovationsreport 2019
Studie zu innovativen Arzneimitteln des Jahres 2016 in der Versorgungsrealität

Der diesjährige Innovationsreport bewertet 21 Wirkstoffe der insgesamt 31 Arzneimittel, die im Jahr 2016 neu auf den Markt gekommen sind.

Am häufigsten wurden Onkologika bewertet, fünf Arzneimittel enthalten antivirale Wirkstoffe, drei sind rekombinante Gerinnungsfaktoren. Die restlichen Wirkstoffe verteilen sich auf acht weitere Indikationen. Zum ersten Mal wurde in diesem Report auch ein Impfstoff bewertet. Dabei handelt es sich um den HPV-Impfstoff, der u.a. vor Gebärmutterhalskrebs schützt. Acht Arzneimittel kamen im Rahmen eines beschleunigten Zulassungsverfahrens auf den Markt.

Das Sonderkapitel des Reportes widmet sich dem aktuellen Thema „Impfen und Impfpflicht“ und bespricht insbesondere Masern-, HPV- und Grippeimpfungen.

Die Daten des RKIs, der KiGGS-Studie aber auch der Weltgesundheitsorganisation verdeutlichen, dass die gewünschten Masernimpfquoten noch nicht erreicht werden konnten und weiterhin ein großer Handlungsbedarf besteht. Sie zeigen aber auch, dass mit der Impfpflicht, wie sie bereits in einigen europäischen Ländern eingeführt wurde, das Ziel der Elimination der Masern ebenfalls nicht erreicht wurde. Im Innovationsreport 2019 werden darum verschiedene Ansätze vorgestellt, wie eine Erhöhung der Impfquoten gelingen könnte, welche die Argumente der Impfgegner sein könnten und verdeutlicht die große Bedeutung der Arzt-Patienten-Kommunikation in diesem Zusammenhang. Die Schlussfolgerung aus diesem Kapitel ist, dass eine Masernimpfpflicht nur die Ultima Ratio sein sollte – zunächst müssen Aufklärungs- und Informationskampagnen ergriffen und intensiviert werden.

Jüngste Studien machen deutlich, dass die HPV-Impfungen Wirkungen zeigen, also die Häufigkeit der Vorstufen zum Gebärmutterhalskrebs sinkt und dass die Zahl der HPV-geimpften Jungen steigt. Auch hier ist die Arzt-Patienten-Kommunikation ausschlaggebend – schließlich sind es junge Menschen, die mit der Entscheidung für eine Impfung Risiken für Erkrankungen, die sich erst viel später im Leben entwickeln können, minimieren sollen.

Bezüglich der Grippe-Impfungen gibt es Hinweise, dass es sinnvoll ist, die Zielgruppe zu ändern. Statt generell Menschen ab 60 Jahren zu impfen, sollten es nach aktueller Studienlage besser Kinder und Jugendliche sein. Dadurch kann eher ein schützender „Herdeneffekt“ eintreten, weil bei Menschen ab 60 Jahren das Immunsystem weniger gut auf die Impfung anspricht.

Im Ergebnis des Innovationsreports 2019 konnten zwar fünf Arzneimittel mit einer „grünen“ Gesamtampel bewertet werden, verglichen mit dem letzten Jahr dämpft der Anstieg der „roten“ Ampeln (61% aller bewerteten Arzneimittel) aber die Hoffnung auf eine positive Entwicklung neu zugelassener Arzneimittel. Für sechs Arzneimittel wurden Rote-Hand-Briefe mit wichtigen Informationen für Ärzte und Patienten verschickt. Auch dies bestätigt die Annahme, dass aktuelle Zulassungsstudien nur ein eingeschränktes Bild von Wirkungen und Nebenwirkungen liefern, Pharmakovigilanzstudien im „Nachmarkt“ also dringend nötig sind.

Zweifel, ob Empfehlungen immer neutral und unabhängig erstellt werden, kommen aufgrund der Tatsache auf, dass 13 Wirkstoffe in Leitlinien und Therapieempfehlungen aufgenommen wurden, obwohl sechs davon eine negative Gesamtbewertung erhalten haben.

Arzneimittel, die eine echte therapeutische Innovation darstellen und mit einer grünen (Zusatz)-Nutzen-Ampel bewertet wurden, sind die Impfung gegen humane Papillom-Viren und im Bereich der Krebstherapie zur Behandlung des multiplen Myeloms (Daratumumab und Elotuzumab) sowie bei der Behandlung der chronischen Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (Sacubitril/Valsartan) zu finden. Nur ein Arzneimittel (Elbasvir/Grazoprevir) ist günstiger als die zweckmäßige Vergleichstherapie und wurde in dieser Kategorie mit einer grünen Ampel bewertet. Zwölf Mal zeigt die Kostenampel gelb, vier Mal rot. Beim Blick auf den Vergleich mit bereits verfügbaren Therapien zeigt die Ampel bei fünf Arzneimitteln grün, bei vier gelb und bei 14 rot. Damit stellen nur neun der neu in den Markt gebrachten Arzneimittel eine positiv zu bewertende Ergänzung des Arzneimittelrepertoires dar.

 

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Langfassung
Kurzfassung

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Präsentation der Ergebnisse von Prof. Dr. Gerd Glaeske


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
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Thomas Kalwitzki Sachverständiger bei der Anhörung des Bundestagsausschusses für Gesundheit

Der Ausschuss für Gesundheit des Deutschen Bundestages lud am 8. Mai 2019 17 Sachverständige und Verbandsvertreter zu einer Öffentlichen Anhörung. Gegenstand waren Anträge von Bündnis 90/Die Grünen, der Linken sowie der FDP zur Reform der Finanzierung der Pflegeversicherung. Heinz Rothgang hatte dazu vorab eine Stellungnahme verfasst, zu der Thomas Kalwitzki dann in der Anhörung Fragen beantwortete.

Rothgang und Kalwitzki beklagen dabei erhebliche Gerechtigkeitsdefizite zwischen den beiden Zweigen der gesetzlichen Pflegeversicherung: der privaten Pflegepflichtversicherung und der Sozialen Pflegeversicherung. Diese führen zu einer nicht zu rechtfertigenden ungleichen finanziellen Lastenverteilung zwischen den beiden Versichertenkollektiven: Da die privat Pflegeversicherten geringere Pflegerisiken bei gleichzeitig höheren Einkommen aufweisen, wäre ein kostendeckender Beitragssatz für diese Personen nur rund ein Viertel so hoch wie bei den Sozialversicherten. Privat Versicherte sind im aktuellen Finanzierungssystem somit deutlich geringer belastet, als gesetzlich Versicherte. Damit widerspricht die derzeitige Regelung dem Postulat des Bundesverfassungsgerichts, das eine „ausgewogene Lastenverteilung“ zwischen den beiden Zweigen der „Pflegevolksversicherung“ gefordert hat.

Um dies zu ändern und die Finanzierungslast solidarisch zu verteilen, plädierten Rothgang und Kalwitzki für die Einführung einer Pflegebürgerversicherung. Diese sieht neben einer Integration der privat Pflegeversicherten in den gesetzlichen Zweig vor, weitere Einnahmearten (zum Beispiel Zinsgewinne oder Mieteinnahmen) zu verbeitragen sowie die Beitragsbemessungsgrenze anzuheben. Hierdurch wird eine finanzielle Entlastung von allen heute gesetzlich Versicherten und von einkommensschwächeren Privatversicherten erreicht.

Rothgang und Kalwitzki verwiesen zusätzlich darauf, dass eine solche Bürgerversicherung im Bereich der Pflege deutlich einfacher umzusetzen sei als etwa in der Krankenversicherung. Grund hierfür sind die bereits heute weitgehend homogenen Regelungen im Leistungs- und Leistungserbringungsrecht, durch die Widerstände und Umsetzungsschwierigkeiten wie im Krankenversicherungssektor nicht auftreten.


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Prof. Dr. Heinz Rothgang
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Länger besser leben.-InstitutLänger besser leben.-Institut
Aktuelle Beiträge und renommierte Referent*innen bescheren Gerd Glaeske und der BKK24 einen vollen Saal

Wie motiviert man Menschen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen zu einer gesundheitsorientierten Änderung ihres Lebensstils, ihres Bewegungsverhaltens und ihrer Essgewohnheiten, damit sie langfristig gesünder sind, sich wohler fühlen und länger leben? Dazu hat der Versorgungsforscher Professor Gerd Glaeske am SOCIUM zusammen mit der BKK24 ein interessantes Programm für den zweiten „Länger besser leben.“-Kongress „Motivation zur Prävention. Mehr Chancen für die Gesundheit“ zusammengestellt, der am 14. Mai 2019 stattfinden wird. Weil es nach wie vor je nach sozialem Status unterschiedliche Lebenserwartungen gibt, soll die angesprochene Motivation zu einer Verbesserung beitragen. Angesichts der Aktualität dieses Themas waren die 200 Plätze in der Akademie des Sports in Hannover schnell vergeben.

Der „Länger besser leben.“-Kongress ist Teil der Präventionsarbeit des „Länger besser leben.“-Instituts, das vom SOCIUM zusammen mit der BKK24 getragen wird.

Weitere Informationen: Länger besser leben.-Institut


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
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Professor Heinz RothgangProfessor Heinz Rothgang
Stellungnahme von Heinz Rothgang für den Landtag von Schleswig-Holstein

Nachdem Hamburg es seinen Beamtinnen und Beamten ermöglich hat, eine pauschale Beihilfe für deren Mitgliedschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung zu erhalten, diskutieren weitere Länder die Einführung einer solchen Regel, darunter auch Schleswig-Holstein. Heinz Rothgang, Professor für Gesundheitsökonomie am SOCIUM, hat dazu für eine Expertenanhörung eine Stellungnahme verfasst.

Darin hebt Rothgang vier Aspekte besonders hervor: Eine solche Maßnahme vergrößert die Wahlmöglichkeit der Betroffenen. Sie stärkt ferner das Solidaritätsprinzip, weil es gesundheitlich bessere Risiken in die gesetzliche Krankversicherung zurückholt. Sie verringert darüber hinaus den Verwaltungsaufwand, da derzeit bei Beamten zwei Abrechnungen erstellt und bearbeitet werden müssen. Und sie spart langfristig Kosten für die öffentlichen Haushalte, weil die hohen Kosten im Alter dann voll von der Versicherung getragen werden.

Rothgang befürwortet daher den Gesetzesvorschlag, will ihn jedoch an zwei Bedingungen geknüpft sehen: Die Einführung muss auf Freiwilligkeit beruhen und die Entscheidung muss unwiderruflich sein, weil sonst in jungen Jahren die dann billigere Privatversicherung genutzt wird, um im Alter bei steigenden Kosten in die gesetzliche zu wechseln.


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Weltweit werden technische Lösungen und Hilfsmittel für die Langzeitpflege entwickelt. In einem Interview mit dem Fernsehsender Radio Bremen hat SFB-Mitglied Heinz Rothgang eingeordnet, ob Roboter und IT geeignet sind, dem Pflegenotstand beizukommen.

"Der Einsatz von Robotern und IT in der Pflege sind sicher ein Teil der Zukunft, aber nicht die alleinige Lösung des Pflegenotstandes", sagte Heinz Rothgang, Leiter der Teilprojekte A04 und B07, in der Sendung "buten und binnen" des Senders Radio Bremen. "Die Technik kann unterstützen, aber nicht die Menschen ersetzen. Denn Pflege ist Kommunikation, menschliche Zuwendung." Dies könne Technik nicht übernehmen. Sie könne die Pflegenden jedoch unterstützen und entlasten durch Sensorik, Fernüberwachung und ähnliches.

Sorge, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt, sobald Roboter und IT in der Pflege eingesetzt würden, hat Rothgang nicht. Er hat eher Zweifel, dass sinnvolle technische Lösungen in der Pflege Einzug überhaupt halten, da in diesem Bereich der Einsatz von Technik generell skeptisch gesehen werde. Daher untersucht Heinz Rothgang mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Socium, welche Wünsche und Bedarfe an technischer Hilfestellung es bei Pflegebedürftigen und Pflegenden tatsächlich gibt. So soll sichergestellt werden, dass technische Lösungen entwickelt werden, die auch tatsächlich gewinnbringend angewendet werden.

Rothgang betonte in "buten und binnen" auch, dass angesichts des Pflegenotstandes die Attraktivität des Pflegeberufs gesteigert werden muss, damit mehr Menschen in diesem Feld arbeiten wollen.

Das gesamte Interview mit Heinz Rothgang: „buten und binnen“ vom 14.02.2019


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Prof. Dr. Heinz RothgangProf. Dr. Heinz Rothgang
Heinz Rothgang in den Beirat des Deutschen Zentrums für Altersfragen berufen.

Zu den häufig übersehenen Leistungen universitärer Forschungszentren gehört die Beratung politischer oder politik-naher Institutionen. Auf diese Weise fließen aktuelle Forschungsergebnisse direkt in die Gesetzgebung oder Verwaltungstätigkeit. Heinz Rothgang, Professor für Gesundheitsökonomie am SOCIUM, ist nun für die kommenden vier Jahre zum Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Zentrums für Alterfragen ernannt worden.

Das Deutsche Zentrum für Altersfragen gehört zu den so genannten Ressortforschungseinrichtungen des Bundes und ist dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zugeordnet. Es befasst sich im wesentlichen mit drei Aspekten: der Sammlung und öffentlichen Bereitstellung wichtiger Daten zu Demographie und Alter, der Forschung zu Altersfragen und vor allem der Beratung des Ministeriums und der Bundesregierung in Fragen des demographischen Wandels und der Politik für die ältere Bevölkerung. Das umfasst einen breiten Themenbereich von Arbeit und Ruhestand, sozialer und wirtschaftlicher Bedingungen, Gesundheit, Pflege, Familie, Partnerschaft, sozialer Beziehungen bis hin zu gesellschaftlicher Partizipation im Alter.

Der wissenschaftliche Beirat des Deutschen Zentrums für Altersfragen setzt sich aus neun Professorinnen und Professoren meist sozialwissenschaftlicher Fachgebiete zusammen, die das Zentrum beraten und auch neue Impulse für die weitere Arbeit geben sollen.


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Cover Cover "Länger besser leben."-Buch
Präventionsempfehlungen in der praktischen Umsetzung.

Professor Dr. Gerd Glaeske, Leiter des "Länger besser leben."-Instituts der Universität Bremen, angesiedelt am SOCIUM, hat zusammen mit Friederike Höfel vom "Länger besser leben."-Institut, Friedrich Schütte und Jörg Nielaczny von der BKK24 ein Buch herausgegeben, in dem die wichtigsten vier Ziele der Präventionskampagne und Erfahrungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschrieben werden.

Zentral sind gesunde Ernährung, Verringerung des Alkoholkonsums, Nichtrauchen und die Förderung von Bewegung. Auf diese Weise sollen Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems (z.B. Bluthochdruck), des Stoffwechsels (v.a. Diabetes) sowie Folgen des Rauchens und des Alkoholkonsums (v.a. Krebs, COPD, Lebererkrankungen oder Verkehrsunfälle) verringert und die Lebensqualität sowie das Wohlbefinden verbessert werden. Die vier verschiedenen Präventionsaspekte werden von Beiträgen renommierter Wissenschaftler begleitet - "Bewegung" durch Prof. Dr. Detlef Kuhlmann und Kristof Grätz, Leibniz Universität Hannover, "Alkoholkonsum" durch Professor Dr. Ulrich John und Kolleg*innen vom Institut für Sozialmedizin und Prävention der Universitätsmedizin Greifswald, "Gesundheitsrisiko Rauchen" durch Dr. Christoph Kröger, IFT-Gesundheitsförderung, München und "Ernährung" durch Prof. Dr. Gerd Glaeske, "Länger besser leben."-Institut der Universität Bremen.

Neben den wissenschaftlichen Ausführungen kommen aber auch die Erfahrungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den verschiedenen Angeboten der "Länger besser leben."-Initiative nicht zu kurz. Die Berichte zeigen vor allem, welche Erfolge zugunsten der eigenen Gesundheit erreicht wurden, andere Menschen können so motiviert werden.

Viele Empfehlungen für sportliche Übungen stehen im Buch neben Rezepten für gesunde Mahlzeiten, für alkoholfreie Cocktails, übersichtlichen Infografiken und Tipps. Zu Beginn wird geschildert, wie 2011 alles begonnen und was sich seitdem getan hat. Insofern ist das Buch eine Art Biografie der "Länger besser leben."-Initiative, die nun bereits im achten Jahr als Präventionsprogramm erfolgreich tätig ist - das zeigen zumindest die steigenden Zahlen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und die positiven Rückmeldungen. Hier wird nur ein Zwischenstand gezeigt, die Aktivitäten werden weiter gehen. Und wir werden als "Länger besser leben."-Institut der Universität Bremen in Publikationen, Vorträgen und auf Kongressen die Botschaft ins Land tragen, dass sich Prävention lohnt. Diese Botschaft sollten nicht nur viele hören, sondern auch zugunsten ihrer Lebensqualität und ihres Wohlbefindens umsetzen. Das Buch "Länger besser leben." kann dazu einen Beitrag leisten.

Informationen zur Publikation: Glaeske, Gerd; Höfel, Friederike; Schütte, Friedrich; Nielaczny, Jörg (Hg.), 2019: "Länger besser leben." Für eine bessere Gesundheit und mehr Wohlbefinden, "Länger besser leben."-Institut, BKK24, Bremen, Obernkirchen: Selbstverlag

Weitere Informationen: "Länger besser leben."-Institut


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Dipl.-Soz. Friederike Höfel
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Cover Pflegereport 2018Cover Pflegereport 2018
Autorenteam des SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen erstellt Pflegereport 2018 im Auftrag der BARMER.

Heute wurde im Tagungszentrum im Haus der Bundespressekonferenz der diesjährige BARMER Pflegereport vorgestellt. Darin wurden insbesondere die Belastungssituationen und die Gesundheitszustände von Hauptpflegepersonen analysiert. Zudem wurden die Auswirkungen der jüngsten Pflegereformen auf die Versorgung der Pflegebedürftigen untersucht. Die Autoren Professor Dr. Heinz Rothgang und Dr. Rolf Müller liefern weiterhin vertiefende Untersuchungen zu Fallzahlen, Inzidenzen, Prävalenzen und Pflegeverläufen. Wesentliche Datengrundlagen sind die Pflegestatistik 2015, die Routinedaten der BARMER sowie eine eigens für das Schwerpunktthema durchgeführte Befragung von 1.862 Versicherten der BARMER.

Pflegegrade statt Pflegestufen führen zum Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen

Mit der Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade zum 1. Januar 2017 haben sich die Kriterien für die Zugangsberechtigung zu Versicherungsleistungen geändert. Die kognitiven Einschränkungen sind nun definitorischer Bestandteil der Pflegebedürftigkeit und die Zugangshürde zu Versichertenleistungen abgesenkt. Entsprechend ist mit der Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade die Zahl der positiven Begutachtungen deutlich gestiegen. Ausweislich der hochgerechneten BARMER-Daten stieg die Zahl der Pflegebedürftigen zwischen 2015 und 2017 um 17,9 %. Davon entfallen knapp 13 Prozentpunkte auf die Steigerung bei Pflegegrad 1 und Pflegegrad 2.

Ausweitung des Leistungsanspruchs führt zu höheren Kosten

Reformbedingt gab es im Jahr 2017 Ausgabensteigerungen von rund 7 Milliarden Euro für die Soziale Pflegeversicherung. Dem stehen reformbedingte Mehreinnahmen von 2,8 Milliarden Euro gegenüber, was zu einem reformbedingten Defizit von 4,2 Milliarden Euro führt. Lediglich aufgrund des zuvor bestehenden Überschusses und der günstigen Entwicklung der Grundlohnsumme liegt das tatsächliche Defizit 2017 bei lediglich 2,4 Milliarden Euro.

Die Mehrzahl der Pflegebedürftigen wird von pflegenden Angehörigen versorgt

Rund 2,5 Millionen Pflegebedürftige wurden im Dezember 2017 durch eine Hauptpflegeperson versorgt. Zwei Drittel der Hauptpflegepersonen sind Frauen, ein Drittel Männer. Nur ein Drittel der Hauptpflegepersonen aus der BARMER-Versichertenbefragung 2018 hat eine aktuelle Erwerbstätigkeit angegeben. Allerdings hat ein Viertel angegeben, wegen der Pflege die Erwerbstätigkeit reduziert oder aufgegeben zu haben.

Die formelle und die informelle Unterstützung ist oft nicht ausreichend

Die Hauptpflegeperson muss in der Regel mehrere Aufgaben (beispielsweise Medikamentenversorgung, Unterstützung beim Essen, Unterstützung bei der Mobilität, Unterstützung beim Toilettengang) übernehmen. Sechs von zehn Hauptpflegepersonen wünschen sich in mindestens einem der 11 abgefragten Aufgabenbereiche weitere Hilfe. Neben dieser generellen Bedarfslage gibt es Probleme bei der Vertretung. Deutlich mehr als die Hälfte hat gar keine Möglichkeiten, jemanden zu finden, der sich eine oder mehrere Wochen um die pflegebedürftige Person kümmert, so dass die Hauptpflegeperson pausieren kann.
Häufig werden wegen hoher Kosten, vermuteter geringer Qualität, fehlender Angebote oder hohem Organisationsaufwand Angebote nicht genutzt. Es wird ein Bedarf deutlich, der aber aus Gründen der Angebotsstruktur oder des Aufwands nicht befriedigt werden kann. Dies betrifft bei der Tagespflege rund 378.000 (= 15,3 %), beim Pflegedienst 188.000 (= 7,6 %), bei der Kurzzeitpflege 437.000 (= 17,7 %) und bei den niedrigschwelligen Betreuungs- und Haushaltshilfen 379.000 (= 15,3 %) der Hauptpflegepersonen.

Hauptpflegepersonen sind häufig höher belastet und häufiger krank

Von den Hauptpflegepersonen kommen 87,5 % nach eigenen Angaben meistens oder immer gut mit der Pflege zurecht. Dennoch bekommt ein Großteil nicht genug Schlaf (38,0 %), fühlen sich 29,9 % der Hauptpflegepersonen in der Rolle als Pflegender gefangen, ist jedem Fünften (20,4 %) die Pflege häufig zu anstrengend, wirkt bei 22,7 % die Pflege negativ auf die Freundschaftsverhältnisse und hat jeder Fünfte (18,8 %) Zukunfts- und Existenzängste.
Pflegende Angehörige sind nicht nur kränker, sie werden auch durch die Pflege kränker. Psychische Leiden sind bei Hauptpflegepersonen mit 48,7 % im Dezember 2017 sehr häufig. In einer nach Alter und Geschlecht strukturgleichen nicht pflegenden Vergleichspopulation haben nur 42,5 % solche Diagnosen. Die Erkrankungshäufigkeit hat bei den Hauptpflegepersonen in den letzten fünf Jahren um 9,1 Prozentpunkte zugenommen und in der Vergleichsgruppe nur um 5,7 Prozentpunkte.

Zukunftsszenarien der Hauptpflegepersonen

Hochgerechnet ergibt sich aus der BARMER-Versichertenbefragung 2018 eine Gesamtzahl von mindestens 185.000 Hauptpflegepersonen, die kurz davorstehen, die Pflege einzustellen. Weitere über eine Million Hauptpflegepersonen wollen die Pflege nur fortsetzen, solange sich nichts an der Situation ändert. Da sich die Pflegesituation aber häufig im Zeitverlauf verschlechtert, kann auch für diese Gruppe nicht unterstellt werden, dass sie weiterhin die Pflege übernehmen. Insgesamt ist das eine bedrohliche Ausgangslage.
Hauptpflegepersonen wünschen sich weniger Bürokratie bei Antragstellungen, würden gern bei Fragen immer dieselbe Fachkraft kontaktieren, hätten gern eine bessere Aufklärung über die Leistungen der Pflegeversicherung und darüber, woher man Hilfe bekommt. Den Pflegenden mit einem Hilfebedarf ist es vor allem wichtig, zu wissen, woher sie Hilfe bekommen können. Hier zeigt sich Handlungsbedarf seitens der zentralen Akteure der Pflegelandschaft und der Politik.

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BARMER Pflegereport 2018
Statement von Prof. Rothgang anlässlich der Pressekonferenz
Folienvortrag von Prof. Rothgang anlässlich der Pressekonferenz


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Cover Innovationsreport 2018Cover Innovationsreport 2018
Mehr grüne Ampeln als in den letzten Jahren.

Der Innovationsreport wird seit 2013 jährlich von Professor Dr. Gerd Glaeske und Professor Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig mit Unterstützung der Techniker Krankenkasse (TK) herausgegeben. Dieser Report verbindet die Versorgungsforschung zur Arzneimitteltherapie mit den Beurteilungen neuer Arzneimittel, die drei Jahre zuvor erstmals angeboten wurden und die Frühbewertung des AMNOG-Verfahrens durchlaufen haben. Insofern bietet der Innovationsreport eine Art von "Spätbewertung" der Arzneimittel aus dem Jahr 2015 an. Die steigende Vermarktung von Orphan‐Arzneimitteln ist auch im diesjährigen Innovationsreport zu erkennen, ebenso wie der Trend zum frühzeitigen Markteintritt von Arzneimitteln. 

Der Innovationsreport 2018 beleuchtet die neuen Arzneimittel des Jahres 2015 auf dem deutschen Arzneimittelmarkt der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und unterzieht diese einer kritischen Bewertung. Viele Patienten, die an schwerwiegenden, bisher nur symptomatisch behandelbaren Krankheiten leiden, hoffen, durch die Entwicklung neuer Medikamente geheilt zu werden. Dabei geht es z.B. um neue Arzneimitteltherapien gegen die Alzheimerdemenz, die als Sonderkapitel im Innovationsreport 2018 beschrieben werden oder auch um neue Arzneimittel zur Behandlung bösartiger Erkrankungen. Gerade im erstgenannten Indikationsbereich gibt es immer wieder Informationen, die Hoffnungen auslösen, ein wirklicher therapeutischer Durchbruch ist aber bisher z.B. bei Arzneimitteln gegen Alzheimerdemenz nicht gelungen.

Insgesamt wurden 32 Wirkstoffe von 37 im Jahre 2015 neu eingeführten Arzneimitteln in den Innovationsreport 2018 aufgenommen. Im vorliegenden Innovationsreport 2018 wurden sieben positive (grüne Ampel) und 10 negative (rote Ampel) Bewertungen vergeben, der größte Anteil mit fast 50 % hatte zumindest einen partiellen Zusatznutzen (gelbe Ampel) zu verzeichnen.

Ein Drittel der neuen Arzneimittel entfiel auf die Gruppe der Orphan-Arzneimittel zur Behandlung seltener Krankheiten, unter denen nach der europäischen Definition nicht mehr als 5 Menschen pro 10.000 Einwohner leiden. Daneben wird aber auch deutlich, dass in der Versorgung mit Antibiotika oder bei den meisten "Sonstigen neurologischen Erkrankungen" und psychischen Störungen kaum neue Arzneimittel auf dem Markt angeboten wurden.

Die Orphan-Arzneimittel waren in der Verteilung der Bewertungen nahezu identisch zu den Nicht-Orphan-Arzneimitteln, gleichviele positive und negative Ampeln, und die gelbe Ampel war mit 45,5 % die häufigste Bewertung.

Im Vergleich zu den letzten Innovationsreporten 2016 und 2017 fällt auf, dass sich die Anzahl der grünen Gesamtbewertungen vervielfacht hat, im Innovationsreport 2016 gab es nur eine grüne Gesamtampel, im Innovationsreport 2017 gar keine.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Forschung und Vermarktung neuer Arzneimittel aufgrund der Dominanz von Generika, die rund 76 % der innerhalb der GKV verordneten Arzneimittel ausmachen, weniger lohnen. Im Rahmen des Verfahrens des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) wird je nach Ausmaß eines Zusatznutzens gegenüber bereits angebotenen Arzneimitteln der Erstattungsbetrag festgelegt. Dieser teils geringe Erstattungsbetrag trägt ein Übriges dazu bei, dass weniger in die Forschung und Entwicklung zur Therapie für weitverbreitete Erkrankungen investiert wird. Neue Arzneimittel werden stattdessen vor allem in solchen Indikationsbereichen angeboten, in denen hohe Preise, oft auch als "Mondpreise" charakterisiert, verlangt werden können. Die Onkologie hat sich in diesem Zusammenhang als besonders lukrativ für die pharmazeutischen Unternehmer herausgestellt, weil in diesem Behandlungsfeld kaum über hohe Preise diskutiert wird: Schließlich sollen die jeweiligen Patienten möglichst alle Optionen für eine Behandlung und eine mögliche Lebensverlängerung in Anspruch nehmen dürfen, auch wenn die Therapiekosten pro Jahr oftmals 60.000 € und mehr betragen und die Daten zur Lebenszeitverlängerung sowie zur Verbesserung der Lebensqualität oft nur wenig überzeugend sind. Dass pharmazeutische Unternehmen sich auf diesen Krankheitsbereich mehr und mehr konzentrieren, hängt auch damit zusammen, dass fast die Hälfte der Menschen in Deutschland im Laufe des Lebens an der einen oder anderen Form von Krebs erkrankt.

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Statement zur Pressekonferenz von Prof. Dr. Gerd Glaeske
Präsentation zur Pressekonferenz von Prof. Dr. Gerd Glaeske


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