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Presse- und Kurzmitteilungen der Abteilung "Gesundheit, Pflege und Alterssicherung".

Heinz Rothgang als Sachverständiger bei Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages

Am 07.06.2021 wurde im Gesundheitsausschuss des Bundestages in einer öffentlichen Anhörung über einen Gesetzentwurf der Bundesregierung für ein Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (GVWG) beraten. Der schon länger diskutierte Gesetzentwurf und die Gegenäußerung der Bundesregierung wurde dabei kurzfristig durch 20 Änderungsanträge der Fraktionen CDU/CSU und SPD erweitert, die wesentliche Neuregelungen für die Pflegeversicherung vorsehen. Hierdurch wurde das im Frühjahr diesen Jahres in Entwurfsversionen bekannt gewordene umfassende Pflegereformgesetz ersetzt und nur einige in der Regierungskoalition politisch konsensfähige Einzelregelungen in das Gesetzgebungsverfahren übernommen.

Wesentliche Punkte betreffen die Ermöglichung von Mehrpersonal in stationären Einrichtungen, die Entlohnung der Pflegekräfte auf tariflichem Niveau, die Reduktion der von den Heimbewohner:innen privat zu tragenden Eigenanteile und die Refinanzierung dieser Reformmaßnahmen.

Professor Heinz Rothgang, der in den letzten Jahren umfassend Grundlagen zur Personalbemessung in stationären Einrichtungen und Konzepte zur Finanzreform der Pflegeversicherung erarbeitet hat, wurde als Sachverständiger um seine Einschätzung des GVWG gebeten.

Er betont in seiner Stellungnahme, dass die wesentliche Herausforderung des Pflegesystems aktuell ist, eine bedarfsgerechte Versorgung dauerhaft sicherzustellen. Hierzu sind vier zentrale Anforderungen zu erfüllen: Bessere Arbeitsbedingungen in der Langzeitpflege sind erforderlich, die durch einen Einsatz von Mehrpersonal entsprechend des ausgearbeiteten Personalbemessungsverfahrens und mit einer besseren Entlohnung der Pflegekräfte erreicht werden können. Da hierdurch jedoch die privat zu zahlenden Eigenanteile der Heimbewohner:innen weiter steigen werden, ist eine Regelung erforderlich, die wieder das ursprüngliche Ziel bei Einführung der Pflegeversicherung verfolgt, die Pflegebedürftigen vor pflegebedingter Sozialhilfeabhängigkeit zu schützen. Für die hierdurch wiederum entstehenden Mehrausgaben der Pflegeversicherung ist eine vollständige Gegenfinanzierung erforderlich.

Professor Rothgang sieht alle vier Punkte in den aktuellen Regelungsentwürfen nicht ausreichend umgesetzt und fordert Nachbesserungen. Die Refinanzierung von Mehrpersonal muss an den empirisch ausgewiesenen Bedarfen orientieren sein und diese nicht – wie im Entwurf des § 113c SGB XI vorgesehen – nur teilweise und unverbindlich ermöglichen. Die vorgesehene Entlohnung auf tariflichem Niveau ist notwendig, aber noch genauer zu definieren.

Vor allem zu kritisieren ist, dass die durch einen neuen § 43c SGB XI vorgesehene Bereitstellung von anteiligen Leistungszuschlägen dem Grunde nach zur Begrenzung der privat zu zahlenden Eigenanteile der Heimbewohner:innen ungeeignet ist. Es kann gezeigt werden, dass hierdurch auch zukünftig nur rund 39 % der Preissteigerungen durch die Pflegeversicherung getragen werden, während weiterhin 61 % privat durch die Pflegebedürftigen übernommen werden. Bei den weiterhin zu erwartenden steigenden Pflegekosten erfolgt hierdurch also nur eine Verlangsamung der finanziellen Überlastung, aber keine systematische Absicherung. Daher muss eine vollständige Begrenzung der Eigenanteile, wie sie im Herbst 2020 bereits von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgeschlagen wurde, erfolgen.

Schon für die vorgeschlagene Pflegereform light ist allerdings keine ausreichende Refinanzierung vorgesehen. Zwar wird erstmalig ein pauschaler Steuerzuschuss zur Pflegeversicherung eingeführt und eine Erhöhung der Einnahmen durch eine Steigerung des Beitragssatzes für Kinderlose umgesetzt, jedoch sind darüber hinaus gehende Zusatzausgaben um 0,73 Mrd. (2022) bis 1,91 Mrd. (2024) zu erwarten. Als Möglichkeit zur dauerhaften und systematischen Finanzierung der gesamten Pflegeversicherungsleistungen wäre die Weiterentwicklung der Sozialversicherung zu einer Pflegebürgerversicherung zielführend.


Kontakt:
Prof. Dr. Heinz Rothgang
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58557
E-Mail: rothgang@uni-bremen.de

Heinz Rothgang als Sachverständiger bei Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages

Am 05.05.2021 wurde im Gesundheitsausschuss des Bundestages in einer öffentlichen Anhörung über mehrere Anträge der Fraktionen Bündnis 90/Die Grünen und DIE LINKE diskutiert. Sie beschäftigen sich neben der menschenrechtskonformen Gestaltung der gesundheitlichen Versorgung von Menschen mit Behinderungen vor allem mit einer besseren finanziellen Absicherung von pflegenden An- und Zugehörigen.

Zur besseren Absicherung während der Erwerbsphase beantragte die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen eine Stärkung der Vereinbarkeit von Angehörigenpflege und Beruf zu gewährleisten. Antrag PflegeZeit Plus

Hierzu soll durch mit der PflegezeitPlus eine Lohnersatzleistung analog zum Elterngeld eingeführt werden. Durch sie können erwerbstätige Personen ihre Arbeitszeit während der Übernahmen von Pflegetätigkeiten um maximal die Hälfte einer Vollzeitstelle reduzieren. Dafür soll ihnen für maximal 36 Monate eine Lohnersatzleistung in Höhe von 67% des entgehenden Nettolohns gewährt werden.

Um eine bessere Absicherung nach der Erwerbsphase herzustellen beantragte die Fraktion DIE LINKE einen Ausbau der Rentenversicherungsansprüche für pflegende Angehörige.

Dazu sollen die Rentenversicherungsbeiträge erhöht und für alle Pflegepersonen – unabhängig von Erwerbstätigkeit oder Rentenbezug – verbindlich abgeführt werden. Antrag Rentenplus

Professor Heinz Rothgang wurde als Sachverständiger um seine Einschätzung der gestellten Anträge gebeten. Er betont in seiner Stellungnahme, dass die verbesserte finanzielle Absicherung von Pflegepersonen zur Stabilisierung informeller Pflegepotenziale dringend geboten ist, die konkreten Umsetzungsvorschläge dafür aber nicht uneingeschränkt empfohlen werden können. Die PflegezeitPlus stellt als Lohnersatzleistung einen Bezug zu dem durch Pflegeübernahme entstehenden Einkommensverzicht her. Dies kann einer effiziente Ressourcenallokation zuwiderlaufen, da implizit die Leistungserbringung durch überqualifizierte Personen angereizt wird. Dies ist nur dann zu fördern, wenn hierdurch als gesamtgesellschaftlicher Wert die Pflege durch bestehende Bezugspersonen betont werden soll. Diese Problematik kann umgangen werden, indem die erforderlichen Finanztransfers stattdessen relativ zu verbindlichen Leistungsübernahmen festgelegt werden, deren Bewertung über das Postulat gleicher Entlohnung für gleiche Arbeit erfolgen kann. Die vorgeschlagenen Änderungen in Bezug auf Rentenansprüche sind als einfacher und – insbesondere für schon verrentete Personen – gerechter zu bewerten, wenn damit eine Ausweitung der Honorierung von Pflegeübernahme erfolgen soll. In Bezug auf die Absicherung gegen pflege(übernahme)bedingte Altersarmut, gehen die vorgeschlagenen Regelungen über das erforderliche Maß hinaus.

 


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Prof. Dr. Heinz Rothgang
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Foto Glaeske: ©Raphael Hünerfauth, photothek.netFoto Glaeske: ©Raphael Hünerfauth, photothek.net
Anlässlich des aktuellen Gesetzgebungsverfahrens zum 4. Bevölkerungsschutzgesetz ergänzt die Autorengruppe ihre Thesenpapiere um eine zweite dringliche ad hoc-Stellungnahme

Das "Notbremsengesetz" ist verfassungsrechtlich und rechtspolitisch hochproblematisch. Es knüpft den Eintritt von z.T. gravierenden Grundrechtseingriffen unverhältnismäßig an einen politisch willkürlich gesetzten und zudem unsicheren "Schwellenwert", der als Steuerungswert untauglich und zudem durch die neuen Testungen beeinflussbar ist. Das Gesetz verkürzt den Rechtsschutz, reduziert ihn auf Normenkontrollklagen oder (begrenzt) auf Verfassungsbeschwerden. Der Verwaltungsrechtsweg wird so vollständig ausgeschlossen, der eigentlich für diese Grundrechtseingriffe den unverzichtbaren Rechtsschutz für den Bürger darstellt.

Link zur zweiten ad hoc Stellungnahme


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Prof. Dr. Philip Manow
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Versorgungsforschung mit Sekundärdaten: Bericht zu Cannabishaltigen Arzneimitteln auf Basis von Rezepten der BKK Mobil in einer Online-Pressekonferenz vorgestellt

Vier Jahre Cannabis-basierte Arzneimittel

Seit 10. März 2017 können Cannabis-basierte Arzneimittel von jeder Ärztin bzw. jedem Arzt auf Betäubungsmittelrezept verordnet werden. Es liegt ein breites Spektrum von Produkten vor. Neben den Fertigarzneimitteln mit den Wirkstoffen Nabilon oder Nabiximols kommen überwiegend Rezepturen mit Dronabinol sowie Cannabis-Blüten und -Extrakte in pharmazeutischer Qualität zum Einsatz.

Wachsender Markt – „Green Rush“

Verfügten zu Jahresbeginn 2017 rund 1.100 Patient*innen über eine Sondergenehmigung zur Nutzung von Cannabis-Blüten als Arzneimittel – teils auch im Eigenanbau –, erhalten im Jahre 2021 nach Schätzungen des Handelsblattes rund 80.000 Personen Cannabis-basierte Arzneimittel. Die Ausgaben der GKV nahmen seit 2017 um mehr als 500 Prozent zu – ohne Zulassung für die meisten Cannabisprodukte wie Blüten und Extrakte, ohne Prüfung des Zusatznutzens gegenüber bewährten Arzneimitteln und damit ohne klare Evidenz für die Anwendung. Trotzdem kommt es zu durchschnittlichen Verordnungskosten pro Patient:in von rund 2.000 Euro pro Jahr, u.a. mit Cannabis-Blüten oder –Extrakten, bei denen auch die Assoziation zu archaischen mittelalterlichen Therapien in Zeiten gut standardisierter und auf ihr Wirksamkeit geprüfter Arzneimittel aufkommt

Klassische Versorgungsforschung zum arzneilichen Cannabis-Gebrauch

Im nunmehr zweiten Cannabis-Report wurden unter Beachtung des Datenschutzes Arzneimittelabrechnungsdaten von fast 1.000 Patient*innen der BKK Mobil Oil mit entsprechenden Verordnungen von der Arbeitsgruppe von Herrn Professor Glaeske analysiert.

Off- Label-Use überwiegt

Rund 80% der Patient*innen wenden Cannabis-basierte Arzneimittel außerhalb der in klinischen Studien geprüften Indikationen (sog. Off-Label-Use) ohne entsprechende arzneimittelrechtliche Zulassung an und damit ohne Haftung des Herstellers und ohne Gebrauchs- und Fachinformationen für Patient:innen und Ärzt:innen. Nur 20% erhalten Fertigarzneimittel.

Zwei Welten im Versorgungsalltag

Die Analysen zeigten, dass die hauptsächliche Anwendung von cannabishaltigen Arzneimitteln in zwei Bereichen zu finden sind:

  • In der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) wird bei Krebspatient*innen fast ausschließlich Dronabinol als Tropfen vorwiegend von Fachärzt*innen verordnet.
  • Im nicht-palliativen Bereich verschreiben zumeist Hausärzt*innen Cannabis in Blütenform, zum Beispiel aufgrund eines chronischen Schmerzsyndroms (27%), anhaltendem Rückenschmerz (7%), Spastik (6%) oder etwa wegen Polyneuropathie (5%).

 

Noch arzneiliche Nutzung?

Auffällig ist, dass auf nur etwa 8% der Patient*innen über 50% der Leistungsausgaben für Cannabis-basierte Arzneimittel entfallen. Einige Patient*innen erhielten Cannabisblüten in einer Dosis von 3 bis 20 Gramm pro Tag, also wesentlich mehr als im staatlichen Programm der Niederlande, in dem 0,62 bis 0,82 Gramm pro Tag ärztlich verordnet werden. Eine derartig hohe Dosierung lässt vermuten, dass es sich auch um eine missbräuchliche Nutzung der Blüten handelt oder auch, dass die verschriebenen Mengen weiterverkauft werden.

Fazit

Evidenz, Therapiesicherheit und Patientennutzen sollten bei der Entscheidung über die Anwendung von Cannabisprodukten im Vordergrund stehen. Daher ist wie bei allen neuen Arzneimitteltherapien eine AMNOG-Prüfung beim gemeinsamen Bundesausschuss schnellstens nachzuholen.

Die Studie zeigt, dass weitere Forschung zu Cannabis-basierten Arzneimitteln mit dem Ziel von arzneimittelrechtlicher Zulassungen dringend benötigt wird und überfällig ist – Cannabis ist eben per se keine neue Wunderdroge gegen alle möglichen Symptome und Krankheiten.

Download: Cannabis-Report 2020

Download: Präsentation von Herrn Professor Glaeske Pressekonferenz Cannabis-Report 2020


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
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Apotheker Lutz Muth
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Prävention, Versorgung und Innovation von Neurodermitis

Ein unerträglicher Juckreiz – nachts noch quälender als am Tag – und trockene Haut sind die Hauptprobleme all jener, die unter Neurodermitis leiden.

Bei mehr als der Hälfte der Babys verschwindet die Erkrankung innerhalb weniger Jahre wieder, bei weiteren 20 % vor der Pubertät. Neurodermitis hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Etwa 10 bis 15 % der Kinder und 2,5 bis 3,5 % der Erwachsenen sind davon betroffen.

Leidet Ihr Kind an einer Neurodermitis, ist es besonders wichtig, die meist sehr trockene Haut gut zu pflegen. Bei Bedarf kann ein Eincremen auch mehrmals täglich angebracht sein. Durch die Basispflege wird die Hautbarriere gestärkt, Schübe werden seltener und verlaufen insgesamt milder.

Aber wie sieht es mit Präventionsmöglichkeiten aus? Könnte eine Hautpflege, beginnend in den ersten Lebenswochen, das Potenzial haben, die Entstehung einer Neurodermitis zu verhindern? Besonders gefährdet selbst eine Neurodermitis zu entwickeln sind Neugeborene, deren Eltern oder Geschwister Neurodermitis haben. Zwei kleinere Studien nährten zunächst die Hoffnung, dass prophylaktisches Cremen Risikokinder vor einer Neurodermitis schützen könnte. So bekamen manche Eltern von Hochrisikokindern den Rat, die Haut des Kindes täglich einzucremen. Nun ist aber Evidenz in der Prävention genauso wichtig wie ihre Berücksichtigung bei Diagnostik und Therapie. Von diesen Themen handelt dieser Hautreport zum Thema Neurodermitis – Kinder brauchen nachweislich wirksame Hilfe, um ihnen diese Hautkrankheit erträglich zu machen, und die Eltern, die Mütter und Väter brauchen sie auch, damit das Zusammenleben mit ihren Kindern möglichst wenig belastet wird. Wir alle, die an der Erstellung des Reportes beteiligt waren, würden uns freuen, wenn die Ratschläge und Empfehlungen, die hier angeboten werden, hierzu einen Beitrag leisten könnten.

Link zum Neurodermitisreport Kurzfassung

Link zum Neurodermitisreport Langfassung


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Citizen Science-Projekt startet unter Beteiligung des SOCIUM

Das Bundesforschungsministerium hat die Förderung 15 neuer Projekte im Bereich Citizen Science bekanntgegeben. Über eine Laufzeit von bis zu vier Jahren werden Projekte gefördert, in denen Bürger:innen selbst zu Forschenden werden, indem sie ihre Expertise und ihr Erfahrungswissen einbringen. Dabei wird wechselseitig das Verhältnis von Forschungssubjekt und Forschungsobjekt erneuert, indem die Bürger:innen aus erster Hand erfahren, wie Wissenschaft funktioniert und die Wissenschaft Zugang zu neuen Ideen, Perspektiven und Daten erhält.
Im Verbundprojekt Be_WIZZARD ist das SOCIUM unter der Koordination der Kreisvolkshochschule Ammerland als wissenschaftlicher Partner beteiligt. Bis Ende 2024 werden Senior:innen im Ammerland in die Erforschung von Gelingensbedingungen guter Pflege einbezogen. Ausgangspunkt ist dabei die Vertrautheit mit lokalen Strukturen und Problemlagen, aus denen die konkreten Forschungsprojekte abgeleitet werden. Im Ergebnis sollen so die regionalen Gelingensbedingungen guter Pflege partizipativ erforscht werden, um daraus Handlungsempfehlungen für die politischen Akteure abzuleiten.


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Thomas Kalwitzki
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Sorgfältige Integration der Impfung in eine umfassende Präventionsstrategie | Impfkampagne resilient gestalten und wissenschaftlich begleiten | Aufklärung und Selbstbestimmung beachten

Folgende Kernaussagen werden erläutert:
 
  • die Impfung und die Impfkampagne gehören zur spezifischen, Zielgruppen-orientierten Prävention, denn
  • COVID19 ist eine Erkrankung der älteren Menschen (genaue Daten zur altersbezogenen Sterblichkeit)
  • die Lockdown-Politik ist nachweisbar bei dieser Bevölkerungsgruppe wirkungslos
  • bislang unerklärte Reduzierung um mindestens 6000 Intensivbetten seit Sommer 2020
  • die bisherigen Defizite der spezifischen Prävention machen sich besonders in den Pflegeheimen bemerkbar
  • Wirksamkeit der Impfstoffe: Endpunkte der Studien beziehen sich auf die symptomatische Erkrankung infizierter Patienten, nicht auf die Infektion als solche
  • infizierte Personen, die geimpft sind, weisen im Vergleich mit ungeimpften Personen ein 20fach niedrigeres Risiko auf, eine symptomatische Erkrankung zu entwickeln, die dann aber bei den Geimpften weniger schwer verläuft.
  • die Organisation einer Impfkampagne ist eine sehr anspruchsvolle Aufgaben für eine Gesellschaft und muss wie eine Mehrfachintervention geplant (und evaluiert) werden
  • die individuelle Aufklärung zur Impfung ist Pflicht
  • es sind drei Ziele und Strategien für die Impfkampagne denkbar. Darunter ist die Stabile Kontrolle unter der Überschrift "Leben mit dem Virus" die sinnvollste Alternative
  • für die erste Märzwoche wird eine wenig veränderte Melderate hochgerechnet, die Sterblichkeit wird jedoch wahrscheinlich sinken, soweit die Impfung bei Älteren wie gewünscht wirkt
  • Diskursfähigkeit muss erhalten bleiben,Gruppendenken vermieden werden, um die kommenden Herausforderungen der Epidemie gesellschaftlich bewältigen zu können.

 

Link zum Thesenpapier 7.0

 

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Prof. Dr. Gerd Glaeske
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Prof. Dr. Philip Manow
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Expertise von Prof. Heinz Rothgang zeigt Effekte der für 2021 geplanten Pflegereform

Die Pflegeversicherung wurde vor 25 Jahren eingeführt, um pflegebedingte Sozialhilfeabhängigkeit zu reduzieren. Dies gelingt im Zeitverlauf zunehmend schlechter, so dass ein Großteil der Bewohner stationärer Pflegeeinrichtungen durch ihre Eigenanteile finanziell überfordert ist und auf Vermögensverzehr und Sozialhilfe angewiesen ist. Diese Fehlentwicklung hat zu einer aktiven Diskussion um die Notwendigkeit systematischer Änderungen der Pflege­versicherung geführt, die am 4. November 2020 in ein Eck­punktepapier des Bundesgesundheitsministeriums gemündet sind. Es wurde angekündigt, die Finanzierung der stationären Pflege mit drei Reformelementen zu erneuern: Erstens sollen die Eigenanteile für pflege­bedingte Kosten und Aus­bil­dungskosten in der Höhe und zweitens auch in der Zahlungsdauer begrenzt werden und drittens soll eine Teilübernahme der bisher privat aufzubringenden Investitionskosten durch die Länder erfolgen.

In einer Expertise für die DAK Gesundheit hat Prof. Heinz Rothgang nun mit einem Forscher:innenteam berechnet, welche Effekte durch die Reformelemente für die rund 780.000 Pflegebedürftigen in stationären Einrichtungen zu erwarten sind. Es zeigt sich, dass die strukturelle Neuord­nung der Pflegefinanzie­rung im Zeitverlauf zu einer deutlichen Verringerung der Sozialhilfeempfänger:innen führen wird und auch die Zahl der Personen deutlich reduziert, die ihre Heimkosten nur durch Vermögensverzehr fi­nan­­zieren können. So wird sich der Anteil der Pflegebedürftigen, die nach drei Jahren Heimaufenthalt ihre Heimkosten noch oder wieder aus ihren laufenden Einnahmen decken können, auf 72 Prozent mehr als verdoppelt. Selbst bei einer Steigerung der Pflegesätze um 10 Prozent wird die Quote der Empfänger von Hilfe zur Pflege um rund ein Drittel auf 24,7 Prozent sinken. Damit werden fast 100.000 Pflegebedürftige vor der Sozialhilfeabhängigkeit bewahrt und ihr Anteil sinkt weit un­ter die Sozialhilfequoten der letzten zwanzig Jahre. In der Summe ist zu erwarten, dass zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der Reform rund 90 Prozent der Heimbe­wohner:innen finanziell entlastet wer­den. Für alle zukünftigen Heim­bewohneri:nnen wäre dann zudem die Gesamthöhe des pflegebedingten Eigen­anteils erstmals bekannt und damit einer kalkulierten Vor­sor­ge zugänglich.

Es entstehen di­rek­te Entlastungen für die Sozialhilfeträger in Höhe von über 2 Milliarden Euro, die die Belastungen durch die anteilige Investitionskosten­finan­zierung von weniger als einer Milliarde bei weitem übertreffen. Die Ausgaben der Pflegeversicherung steigen um gut 5 Mrd. Euro pro Jahr, realisieren da­mit allerdings sowohl bessere Löhne für die Pflegenden als auch erstmalig eine systematische Ab­sicherung der Pfle­gebedürfti­gen gegen pflegebe­dingte Verarmung.

Die in Aussicht gestellten Reformelemente sind damit umfassend dazu geeignet, die Situation der aktuellen und zukünftigen Pflegebedürftigen zu verbessern und erstmals eine umfassende Absiche­rung gegen das Risiko der pflegebedingten Sozialhilfeabhängigkeit zu gewährleisten.

 


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Prof. Dr. Heinz Rothgang
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Autorenteam des SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen erstellt Pflegereport 2020 im Auftrag der BARMER

Heute wurde im Tagungszentrum im Haus der Bundespressekonferenz der diesjährige BARMER Pflegereport vorgestellt. Darin wurden insbesondere die Belastungssituationen und die Gesundheitszustände von Pflegekräften analysiert. Durch überdurchschnittliche Krankheitslast ging im Jahr 2017 die Arbeitszeit von 26.000 Pflegekräften verloren. Im Report wurde die aktuelle Pflegepolitik hinsichtlich der Problematik des Pflegenotstands diskutiert - insbesondere auch vor dem Hintergrund zusätzlicher Belastungen durch die Corona-Pandemie. Die Autoren Professor Dr. Heinz Rothgang, Dr. Rolf Müller und Benedikt Preuß liefern weiterhin vertiefende Untersuchungen zu Fallzahlen, Inzidenzen, Prävalenzen und Pflegeverläufen. Wesentliche Datengrundlagen sind die Pflegestatistik des Statistischen Bundesamts und die Routinedaten der BARMER.

Vielfach erhöhte Belastungen in der Pflege

Für Pflegekräfte wurden in vielen Bereichen erhöhte Belastungen festgestellt. Rund 92 Prozent der Altenpflegefachkräfte arbeiten häufig im Stehen (im Vergleich zu 47 Prozent in sonstigen Berufen) Häufiges Heben und Tragen von schweren Lasten wird von 76 Prozent der Altenpflegefachkräfte berichtet (gegenüber 15 Prozent in sonstigen Berufen). Deutlich häufiger ist zudem das Arbeiten in Zwangshaltungen (45 Prozent zu 11 Prozent). Von den Altenpflegefachkräften geben 52 Prozent an, häufig Vorschriften bezüglich der Mindestleistung oder der Zeit für bestimmte Arbeiten zu haben (im Vergleich zu 27 Prozent in den sonstigen Berufen). Häufig unter Termin- und Leistungsdruck stehen 63 Prozent (Vergleichsgruppe: 50 Prozent). Dass sie häufig sehr schnell arbeiten zu müssen, berichten 53 Prozent im Vergleich zu 39 Prozent der sonstigen Beschäftigten und 31 Prozent der Altenpflegefachkräfte geben an, häufig bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit zu gehen (16 Prozent bei den sonstigen Berufen). All dies wird von den Pflegekräften auch häufiger als belastend empfunden als von den Beschäftigten in sonstigen Berufen.

Schlechterer Gesundheitszustand bei Pflegekräften

Korrespondierend zur Arbeitsbelastung stellen die Autoren des Reports für Pflegekräfte einen insgesamt schlechteren Gesundheitszustand fest. Dieser Zusammenhang zeigt sich bei allen angewandten Messverfahren. Sowohl aus Befragungsergebnissen als auch bei den Analysen der ambulanten Diagnosen, der Fehlzeiten, der Arzneimittelverordnungen und der Krankenhausaufenthalte sind Pflegekräfte bei Erkrankungen des Bewegungsapparates und bei den psychischen und Verhaltensstörungen in höherem Ausmaß betroffen. Obwohl die Belastungen von Altenpflegefachkräften und Altenpflegehilfskräften sich in vielen Bereichen sehr ähneln, ist der Gesundheitszustand der Hilfskräfte schlechter als der der Fachkräfte.

Sehr viel Pflegepersonal fällt krankheitsbedingt aus.

Für Altenpflegefachkräfte wurde ein Krankenstand von 7,2 Prozent ermittelt. Bei den entsprechenden Hilfskräften lag dieser sogar bei 8,7 Prozent. In den sonstigen Berufen wurde dagegen ein Krankenstand von 5,0 Prozent verzeichnet. Aus der Multiplikation der Differenz im Krankenstand mit der Zahl der beschäftigten Pflegekräfte resultiert die (Arbeitszeit, die überdurchschnittlich durch krankheitsbedingte Fehlzeiten am Arbeitsplatz verloren ging). Diese überdurchschnittlich verlorengegangene Arbeitszeit beläuft sich auf das Ausmaß der Arbeitszeit von gut 24.000 Pflegekräften im Jahr 2017.
Von 1.000 Altenpflegefachkräften gehen durchschnittlich 3,9 innerhalb eines Jahres in die Erwerbsminderungsrente, bei den Altenpflegehilfskräften sind es 6,0 von 1.000 und bei den sonstigen Berufen 3,0 von 1.000. Aus der überdurchschnittlichen Frühverrentung resultieren fast 2.000 verlorene Pflegekräfte im Jahr 2017. In der Summe von überdurchschnittlichen krankheitsbedingten Fehlzeiten und überdurchschnittlichen Eintritten in die Erwerbsminderungsrente ergibt sich das Ausmaß der Erwerbszeit von 26.000 Pflegekräften, die allein im Jahr 2017 verloren ging.

Kein Weg führt an mehr Personal vorbei.

Derzeit ist die eingesetzte Pflegepersonalmenge nicht ausreichend, um eine fachgerechte Pflege und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal zu gewährleisten. Die resultierende Arbeitsverdichtung führt zu einer überdurchschnittlichen Belastung und zu negativen gesundheitlichen Auswirkungen. Die daraus entstehenden vermehrten Fehlzeiten und Berufsaustritte verstärken den Pflegenotstand. Dies führt für die verbleibenden Pflegekräfte wiederum zur Erhöhung der Arbeitsbelastung. „Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen“, fordern die Autoren der Studie, „wenn die Pflege dauerhaft qualitätsgesichert geleistet werden soll. Dafür braucht es mehr Personal.“

Download:
BARMER Pflegereport 2020
Statement von Prof. Rothgang anlässlich der Pressekonferenz
Folienvortrag von Prof. Rothgang anlässlich der Pressekonferenz


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Dr. rer. pol. Rolf Müller
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Heinz Rothgang als Sachverständiger bei Anhörung zum Gesetz zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung und Pflege

Am 16.11.20 wurde im Gesundheitsausschuss des Bundestages in einer öffentlichen Anhörung über den aktuellen Entwurf für ein Gesetz zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung und Pflege (GPVG) beraten. Neben einigen Regelungen, die sich mit Bewältigung der Corona-Pandemie und der Versorgung in speziellen medizinischen Bereichen beschäftigen, wird pflegepolitisch die Verbesserung der Personalausstattung in Pflegeheimen umgesetzt. Diese Maßnahme ermöglicht 20.000 zusätzliche Pflegeassistenzkräfte und schließt direkt an die Ergebnisse des an der Uni Bremen durchgeführten Projekts zur Entwicklung eines einheitlichen Personalbemessungsverfahrens in Pflegeeinrichtungen an.

Den Link zur Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags finden Sie hier.

Professor Heinz Rothgang wurde als Sachverständiger zur Umsetzung der Personalmehrungen und zu den erforderlichen Rahmenbedingungen gehört. Er betont in seiner Stellungnahme, dass die im GPVG enthaltenen pflegegradbezogenen zusätzlichen Personalanteile in ihrer Relation den empirischen Bedarfen entsprechen, im Ganzen jedoch nur etwa 17% des erforderlichen Mehrpersonals damit in die Einrichtungen gebracht werde. Das GPVG ist damit in seiner Ausgestaltung sehr zu begrüßen, kann aber nur als erster Schritt eines mehrstufigen Gesamtplans angesehen werden. Dass durch die Personalmehrung keine zusätzliche finanzielle Belastung der Pflegebedürftigen entsteht, sei sowohl sachgerecht, wie auch als Voraussetzung weiterer Schritte unverzichtbar. Erforderlich sei aber nun eine Gesamtstrategie, in der verbindliche Termine und Umfänge weitere Stufen festgelegt werden und die eine hieran angelehnte Ausbildungsoffensive für Pflegeassistenzkräfte ermöglicht. Zusätzlich solle sobald wie möglich in Modellprojekten die Integration der sich verändernden Personalmixe in die Einrichtungen erprobt werden, um so auch organisationell eine Weiterentwicklung der Pflegeheime erreichen zu können.


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