Vergleichende Gesellschaftsforschung

Die Arbeitsgruppe erforscht den gegenwärtigen Wandel von Ungleichheit, Sozialstaat und Wirtschaft aus nationaler und international vergleichender Perspektive. Uns interessieren besonders die Gerechtigkeitsvorstellungen, Solidaritätsbereitschaften und Konfliktpotenziale, die mit den Entwicklungsdynamiken moderner Wohlfahrtsgesellschaften einhergehen.

Westliche Gesellschaften haben in den vergangenen Jahren einen tiefgreifenden Gestaltwandel sozialer Ungleichheitsverhältnisse durchlaufen. Der Anstieg von Einkommensungleichheiten, die Verfestigung von Armutslagen sowie eine gleichermaßen stabile wie hohe Vermögenskonzentration verweisen auf eine ökonomische Polarisierung der Sozialstruktur. Zugleich deuten stagnierende soziale Mobilität und die Ausbreitung atypischer Beschäftigung auf Blockaden sozialen Aufstiegs hin.

Flankiert werden diese Entwicklungen von einem marktorientierten institutionellen Wandel. In vielen Gesellschaften wurden Gewerkschaften geschwächt, Spitzensteuersätze gesenkt und statussichernde Sozialpolitik zugunsten von Aktivierung und Eigenverantwortung schrittweise zurückgebaut. Parallel dazu hat sich ein kultureller Wandel vollzogen, in dessen Zuge kollektivistisch-egalitäre Werte an Bedeutung verloren und individualistische Orientierungsmuster – etwa an Autonomie und Selbstverwirklichung – an Bedeutung gewonnen haben.

Vor diesem Hintergrund interessieren wir uns besonders für die Wertorientierungen und Gerechtigkeitsvorstellungen sowie die Solidaritätsbereitschaften und Konfliktpotenziale, die mit den Ungleichheitsdynamiken moderner Wohlfahrtsgesellschaften verbunden sind. Diese erforschen wir sowohl aus nationaler als auch aus international vergleichender Perspektive und kombinieren dabei quantitative und qualitative Methoden.

Konkrete Forschungsvorhaben richten sich derzeit auf folgende Fragestellungen:

  • Wertkonflikte und soziokulturelle Polarisierungen in den Mittelschichten: Einst Garant des gesellschaftlichen Zusammenhalts, sind die Mittelschichten inzwischen ökonomischen Polarisierungsdynamiken ausgesetzt, die ihre Integrationskraft herausfordern. Kommt es hierbei auch zu kulturellen Konfliktlinien zwischen marktaffinen, kosmopolitischen Gewinnern und traditional orientierten Verlierer-Milieus der Mitte?
  • Kultur und Politik der Vermögensbesteuerung: Die Konzentration ökonomischer Ressourcen in den oberen und obersten gesellschaftlichen Statuslagen geht auch auf die Reduktion der steuerlichen Belastung von Vermögen und hohen Erwerbseinkommen seit Mitte der 1990er und 2000er Jahre zurück. Wie wurden diese steuerlichen Entlastungen gegenüber nicht-vermögenden Bevölkerungsmehrheiten begründet und gerechtfertigt?
  • Wahrnehmung und Akzeptanz sozialer Ungleichheit im internationalen Vergleich: In vielen westlichen Gesellschaften ist in den vergangenen Dekaden die Ungleichheit gestiegen. Wie werden diese Entwicklungen von den Menschen wahrgenommen, und welche Rolle spielen ökonomische, politische und institutionelle Unterschiede zwischen Ländern für die Akzeptanz bzw. Kritik dieser Entwicklung?