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Dr. André Morawetz plötzlich verstorben

Mit großer Bestürzung und Trauer haben wir vom Tod unseres ehemaligen Kollegen Dr. André Morawetz erfahren. Wir verdanken ihm zahlreiche Anregungen für Forschungsthemen, bei denen die Weiterentwicklung der Versorgungsforschung im Bereich der Arzneimittelanwendung im Mittelpunkt stand. Dies war dann schließlich auch der Schwerpunkt seiner 2019 erfolgreich abgeschlossenen Promotion an unserem Institut, in der er sich ausführlich und auf hohem wissenschaftlichen Niveau mit dem Thema „Behandlungsmöglichkeiten chronischer Viruserkrankungen und ihre Auswirkungen auf das öffentliche Gesundheitssystem“ beschäftigt hat. Als Apotheker kannte er die Praxis der Arzneimittelversorgung, sein immer wieder geäußerter Wunsch war es aber auch, die wissenschaftliche Basis hinter der Praxis kennenzulernen und zu analysieren. Diese Motivation, hinter der Praxis Erklärungsmodelle zu finden und den systemischen Blick für das gesamte Versorgungssystem zu schärfen, hat sich letztlich auch positiv auf die Diskussionen unserer gesamten Arbeitsgruppe ausgewirkt. Die Praxis der Arzneimittelversorgung blieb aber trotz seines wissenschaftlichen Engagements auch immer Teil seiner Arbeit an unserem Institut: Die Themen Off-Label Use und Selbstmedikation, über die – bis heute – nur unzureichende Daten zur Anwendungshäufigkeit und Sicherheit vorliegen, haben Herrn Dr. Morawetz immer wieder beschäftigt. Insgesamt war es ihm ein Anliegen, nachdem er auch eine Zeit lang in Krankenkassen tätig war, diese Institutionen stärker an ihre Verantwortung für eine qualitativ hochwertige Versorgung als bisher zu erinnern und die Versorgungs- wie Arzneimittelanwendungsforschung mit einem Fokus auf Prozess- und Ergebnisqualität zu fördern. Der Transfer von der Forschung in die Praxis war für ihn eine wichtige Strategie, die er immer wieder betont hat.

Herr Dr. Morawetz hat unsere Arbeit im SOCIUM der Universität Bremen in den Jahren 2016 bis 2017 maßgeblich mit beeinflusst und geprägt. Wir haben insbesondere im Zusammenhang mit seiner Dissertation viele ausführliche konzeptionelle Gespräche geführt, wobei seine Kreativität bezüglich der Inhalte und der Darstellung zu seinem erfolgreichen Abschluss beigetragen hat. Wir alle werden uns gerne an die gemeinsame Zeit in unserer Arbeitsgruppe erinnern - André Morawetz wird für uns immer ein geschätzter Kollege und Kooperationspartner bleiben.

Darüber hinaus möchten wir allen Angehörigen von Herrn Dr. Morawetz, die – wie auch wir – völlig überrascht von seinem plötzlichen Tod sind, unser tief empfundenes Mitgefühl ausdrücken.  

Gerd Glaeske, Heinz Rothgang, Saskia Gehn, Insa Heyde, Lutz Muth, Dörte Fuchs, Frieda Höfel, Vicki May, Esra Aksoy, Marle Wilhelm, Berit Marquardt, Linda Richter, Cornelia Trittin, Anja Lübs, Daniela Boeschen


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
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Ein Ansatz zur Ermittlung fairer Arzneimittelpreise in der EU und darüber hinaus

Patentgeschützte Arzneimittel sind einer der größten Kostentreiber für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Trotz einer relativ geringen Verordnungshäufigkeit (rund 6%) verursachen sie aufgrund sehr hoher Preise mit 21,6 Mrd. Euro fast die Hälfte aller Arzneimittelausgaben (43%) im Jahr 2019. Die International Association of Mutual Benefit Societies (AIM), eine schon lange bestehende Organisation international tätiger Ersatzkassen, hat daher ein Modell zur Berechnung fairer und transparenter Arzneimittelpreise anhand nachvollziehbarer Kriterien entwickelt. Diese basieren auf den Kosten der Hersteller sowie marktüblichen, jedoch limitierten Renditeaufschlägen. Die Arbeitsgruppe von Professor Glaeske unterzog den AIM Fair Pricing Calculator gemeinsam mit der TK einem Praxistest. Es wurde für eine Auswahl kostenintensiver Arzneimittel aus den Innovationsreporten, welche die AG von Professor Glaeske zusammen mit der TK seit 2013 publiziert, der nach dem AIM-Vorschlag faire Preis berechnet und die so ermittelten Jahrestherapiekosten mit den tatsächlichen zu Markteintritt und dem aktuellen Preisstand verglichen.

Die tatsächlichen Preise sind etwa zwei- bis 13-mal so hoch, wie sie fairerweise sein sollten. Umsatzgewichtet ergibt dies zusätzliche Kosten in Höhe von etwa 173 % für patentgeschützte Arzneimittel in der GKV. Das AIM-Modell zeigt - übertragen auf die GKV-Gesamtausgaben - demnach ein Einsparpotenzial von etwa 13 Mrd. Euro pro Jahr auf, mit steigender Tendenz.

Als Fazit stellt Professor Glaeske fest: „Der AIM Fair Pricing Calculator ist eine Bereicherung in der Diskussion um faire Arzneimittelpreise und er sollte als ein erster Vorschlag für künftige Preisverhandlungen dienen. Gleichzeitig sollte der Fair Pricing Calculator als Anreiz für die pharmazeutischen Unternehmen gesehen werden, Transparenz der Forschungs- und Produktionskosten herzustellen sowie Daten zum patientenorientierten Nutzen (Evidenz). Nur unter diesen Voraussetzungen werden wir auf Dauer angemessene und faire Arzneimittelpreise mit einer auskömmlichen Rendite für die pharmazeutischen Unternehmen vereinbaren können, die unsere Gesundheitssysteme nicht überfordern.“

Download: AIM Fair Pricing Calculator für patentgeschützte Arzneimittel

fairpricingcalculator.eu


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Apotheker Lutz Muth
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Portrait GG: Raphael Huenerfauth, photothek.netPortrait GG: Raphael Huenerfauth, photothek.net
Die Pandemie als komplexes System, die Steuerung der Epidemie durch Indikatoren-Sets, Kinder und Jugendliche in der Corona-Pandemie sowie die Politik und Demokratie unter Pandemie-Bedingungen

Das 8. Thesenpapier erweitert die bewährte Dreiteilung Epidemiologie, Prävention und Gesellschaftspolitik um ein vorangestelltes Kapitel, das ein konzeptionelles Verständnis der Epidemie vorschlägt, das sich von der gängigen, biologistisch-linearen Sichtweise abhebt. Insgesamt werden vier Themen behandelt:

  • die Pandemie als komplexes System,
  • Steuerung durch Indikatoren und Entwicklung eines Indikatoren-Sets,
  • Kinder und Jugendliche in der Corona-Pandemie,
  • Politik und Demokratie unter Pandemie-Bedingungen.

 

Das Thesenpapier 8 versucht mehr Perspektive, in erster Linie durch den Vorschlag eines
Konzeptes für das Verständnis der Pandemie, in zweiter Linie durch den Vorschlag eines zur Steuerung geeigneten Indikatoren-Sets, drittens durch nochmalige Vertiefung des Wissenstandes zu den Kindern und Jugendliche in der Pandemie, und viertens durch den Versuch einer politischen Deutung, zu bieten.

Zusammenfassung:
Als Konzept wird vorgeschlagen, das die Epidemie als komplexes System gesehen werden soll. Die einzelnen Personen stellen die Elemente des Systems dar, die Infektion als eine Form der Interaktion, die Infektionsvorgänge als Resultante von Virus-, Wirts- und Umgebungseigenschaften nach den in komplexen Systemen durchaus vorhandenen, jedoch nicht sichtbaren Regeln dieser Interaktion. Ein erfolgsorientiertes Umgehen mit einer Epidemie erfordert die Kenntnis der wesensmäßígen Eigenschaften (Attraktoren, z.B. Altersabhängigkeit), die Erweiterung der Kenntnisse durch iterative Interventionen (z.B. Evaluation der Schulschließungen), und als Grundlage aller Anstrengungen gesellschaftliches Selbstbewusstsein und Offenheit gegenüber unterschiedlichen Lösungsansätzen.

Ein konkreter Vorschlag für ein multidimensionales Indikatoren Set zur Steuerung wird vorgestellt, das basierend auf dem Entwurf der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft eine Altersstratifizierung und weiterhin eine nach Impfstatus, Komorbidität, sozioökonomischen Faktoren und Positivitätsrate nebst Testfrequenz spezifizierte Melderate in den Mittelpunkt stellt. Weiterhin werden Outcome-Indikatoren wie die (ebenfalls nach Komorbidität und Impfschutz spezifizierte) Hospitalisierung, Intensivbelegung und Beatmungspflichtigkeit herangezogen. Allerdings ist eine politische Linie beim Übergang in multidimensionale Steuerungssysteme derzeit nicht erkennbar.

Kinder und Jugendliche haben während der Pandemie einen erheblichen Beitrag für die Gesellschaft geleistet und dabei selbst gravierende Nachteile in Kauf genommen. Bei allen Maßnahmen, die künftig gelten werden, ist ihr Wohl vorrangig zu berücksichtigen.

Statt Linearität und Unterordnung sind heute Autonomie, Ambiguität bzw. VUCA (variability, uncertainty, complexity, ambiguity) die Worte, die in der Politik umzusetzen sind.


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Prof. Dr. Philip Manow
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Portrait GG: Raphael Huenerfauth, photothek.netPortrait GG: Raphael Huenerfauth, photothek.net
Die Autorengruppe ergänzt die Ausführungen aus Thesenpapier 4 und 6.1 in Bezug auf die intensivmedizinische Versorgung

Die Autorengruppe Thesenpapiere hat, beginnend mit Thesenpapier 4 (30.08.2020) und Thesenpapier 6 (22.11.2020), in der 3. Ad hoc-Stellungnahme mit dem Titel „Die Pandemie durch SARS-CoV-2/CoViD-19 – zur intensivmedizinischen Versorgung in der SARS-2/CoViD-19-Epidemie“ vom 17.05.2021 einen analytischen Schwerpunkt gesetzt, diesen am 06.06.2021 mit: „Ergänzende Materialien Nr. 1 zur Bettenverfügbarkeit“, am 11.06.21: „Kurz-Stellungnahme der Autorengruppe zum Bericht des Bundesrechnungshofes […]“  und am 23.07.21 mit: „Ergänzende Materialien Nr. 2 zur 3. Ad hoc-Stellungnahme der Autorengruppe zur intensivmedizinischen Versorgung – Bettenverfügbarkeit auf Länderebene“ noch weiter vertieft und eine intensive öffentliche Diskussion in Gang gesetzt. Am 9. Juni 2021 hatte der Bundesrechnungshof den Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages unter dem Titel „Bericht nach §88 Absatz 2 BHO über die Prüfung ausgewählter Corona bedingter Ausgabepositionen des Einzelplans 15 und des Gesundheitsfonds (Abgabe von Schutzmasken an vulnerable Personengruppen, Ausgleichszahlungen an Krankenhäuser und Aufbau von Intensivbettenkapazitäten)“ informiert, in dem die Kritik der Autorengruppe in weiten Teilen bestätigt wurde.

Inzwischen haben sich auch verschiedene Krankenkassen, der GKV-Spitzenverband und das BMG des Themas angenommen. Die in den Medien andauernde Diskussion zeigt, wie groß der Bedarf an Aufklärung und Transparenz ist. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Frage, ob die Zahl der von den Krankenhäusern als betreibbar gemeldeten Intensivbetten als Maßstab für die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems gelten kann und auch künftig als Parameter für zu ergreifende Maßnahmen im Rahmen der Pandemiebekämpfung herangezogen werden sollte.


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Cover PsoriasisreportCover Psoriasisreport
Psoriasis – Schuppenflechte. Informationen für Patienten und Interessierte

Psoriasis vulgaris (Schuppenflechte) ist eine Volkskrankheit mit über zwei Millionen Betroffenen in Deutschland. Vielen Akteuren im Gesundheitswesen ist es jedoch immer noch nur wenig bekannt, dass Psoriasis eine aus Patientensicht extrem belastende Erkrankung ist. Die Einbußen an Lebensqualität, die hohen psychosozialen Belastungen der Patienten und ihrer Angehörigen wie auch die beträchtlichen volkswirtschaftlichen Auswirkungen sind erst mit der Versorgungsforschung der letzten Jahre hinreichend dargelegt worden.

Weltweit zeigen die Daten der Versorgungsforschung die Bedeutung der Psoriasis wie auch die Defizite in der Versorgung so eindrücklich, dass die WHO-Konferenz empfohlen hat, Psoriasis neben den kardiovaskulären Erkrankungen und dem Diabetes zu einer besonders versorgungsrelevanten Erkrankung zu erklären.

Ziel des Psoriasisreports ist es, die Versorgung anhand fundierter Daten darzustellen und Ansätze für eine Verbesserung der Versorgung auf Basis der Evidenz für Deutschland zu liefern.

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Foto Glaeske: ©Raphael Hünerfauth, photothek.netFoto Glaeske: ©Raphael Hünerfauth, photothek.net
Anlässlich des aktuellen Gesetzgebungsverfahrens zum 4. Bevölkerungsschutzgesetz ergänzt die Autorengruppe ihre Thesenpapiere um eine zweite dringliche ad hoc-Stellungnahme

Das "Notbremsengesetz" ist verfassungsrechtlich und rechtspolitisch hochproblematisch. Es knüpft den Eintritt von z.T. gravierenden Grundrechtseingriffen unverhältnismäßig an einen politisch willkürlich gesetzten und zudem unsicheren "Schwellenwert", der als Steuerungswert untauglich und zudem durch die neuen Testungen beeinflussbar ist. Das Gesetz verkürzt den Rechtsschutz, reduziert ihn auf Normenkontrollklagen oder (begrenzt) auf Verfassungsbeschwerden. Der Verwaltungsrechtsweg wird so vollständig ausgeschlossen, der eigentlich für diese Grundrechtseingriffe den unverzichtbaren Rechtsschutz für den Bürger darstellt.

Link zur zweiten ad hoc Stellungnahme


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Prof. Dr. Philip Manow
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Versorgungsforschung mit Sekundärdaten: Bericht zu Cannabishaltigen Arzneimitteln auf Basis von Rezepten der BKK Mobil in einer Online-Pressekonferenz vorgestellt

Vier Jahre Cannabis-basierte Arzneimittel

Seit 10. März 2017 können Cannabis-basierte Arzneimittel von jeder Ärztin bzw. jedem Arzt auf Betäubungsmittelrezept verordnet werden. Es liegt ein breites Spektrum von Produkten vor. Neben den Fertigarzneimitteln mit den Wirkstoffen Nabilon oder Nabiximols kommen überwiegend Rezepturen mit Dronabinol sowie Cannabis-Blüten und -Extrakte in pharmazeutischer Qualität zum Einsatz.

Wachsender Markt – „Green Rush“

Verfügten zu Jahresbeginn 2017 rund 1.100 Patient*innen über eine Sondergenehmigung zur Nutzung von Cannabis-Blüten als Arzneimittel – teils auch im Eigenanbau –, erhalten im Jahre 2021 nach Schätzungen des Handelsblattes rund 80.000 Personen Cannabis-basierte Arzneimittel. Die Ausgaben der GKV nahmen seit 2017 um mehr als 500 Prozent zu – ohne Zulassung für die meisten Cannabisprodukte wie Blüten und Extrakte, ohne Prüfung des Zusatznutzens gegenüber bewährten Arzneimitteln und damit ohne klare Evidenz für die Anwendung. Trotzdem kommt es zu durchschnittlichen Verordnungskosten pro Patient:in von rund 2.000 Euro pro Jahr, u.a. mit Cannabis-Blüten oder –Extrakten, bei denen auch die Assoziation zu archaischen mittelalterlichen Therapien in Zeiten gut standardisierter und auf ihr Wirksamkeit geprüfter Arzneimittel aufkommt

Klassische Versorgungsforschung zum arzneilichen Cannabis-Gebrauch

Im nunmehr zweiten Cannabis-Report wurden unter Beachtung des Datenschutzes Arzneimittelabrechnungsdaten von fast 1.000 Patient*innen der BKK Mobil Oil mit entsprechenden Verordnungen von der Arbeitsgruppe von Herrn Professor Glaeske analysiert.

Off- Label-Use überwiegt

Rund 80% der Patient*innen wenden Cannabis-basierte Arzneimittel außerhalb der in klinischen Studien geprüften Indikationen (sog. Off-Label-Use) ohne entsprechende arzneimittelrechtliche Zulassung an und damit ohne Haftung des Herstellers und ohne Gebrauchs- und Fachinformationen für Patient:innen und Ärzt:innen. Nur 20% erhalten Fertigarzneimittel.

Zwei Welten im Versorgungsalltag

Die Analysen zeigten, dass die hauptsächliche Anwendung von cannabishaltigen Arzneimitteln in zwei Bereichen zu finden sind:

  • In der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) wird bei Krebspatient*innen fast ausschließlich Dronabinol als Tropfen vorwiegend von Fachärzt*innen verordnet.
  • Im nicht-palliativen Bereich verschreiben zumeist Hausärzt*innen Cannabis in Blütenform, zum Beispiel aufgrund eines chronischen Schmerzsyndroms (27%), anhaltendem Rückenschmerz (7%), Spastik (6%) oder etwa wegen Polyneuropathie (5%).

 

Noch arzneiliche Nutzung?

Auffällig ist, dass auf nur etwa 8% der Patient*innen über 50% der Leistungsausgaben für Cannabis-basierte Arzneimittel entfallen. Einige Patient*innen erhielten Cannabisblüten in einer Dosis von 3 bis 20 Gramm pro Tag, also wesentlich mehr als im staatlichen Programm der Niederlande, in dem 0,62 bis 0,82 Gramm pro Tag ärztlich verordnet werden. Eine derartig hohe Dosierung lässt vermuten, dass es sich auch um eine missbräuchliche Nutzung der Blüten handelt oder auch, dass die verschriebenen Mengen weiterverkauft werden.

Fazit

Evidenz, Therapiesicherheit und Patientennutzen sollten bei der Entscheidung über die Anwendung von Cannabisprodukten im Vordergrund stehen. Daher ist wie bei allen neuen Arzneimitteltherapien eine AMNOG-Prüfung beim gemeinsamen Bundesausschuss schnellstens nachzuholen.

Die Studie zeigt, dass weitere Forschung zu Cannabis-basierten Arzneimitteln mit dem Ziel von arzneimittelrechtlicher Zulassungen dringend benötigt wird und überfällig ist – Cannabis ist eben per se keine neue Wunderdroge gegen alle möglichen Symptome und Krankheiten.

Download: Cannabis-Report 2020

Download: Präsentation von Herrn Professor Glaeske Pressekonferenz Cannabis-Report 2020


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Kritische Kommentare zur Pharmaindustrie

Welche Arzneimittel werden unnötigerweise verschrieben? Wo machen Pharmakonzerne Geld auf Kosten unserer Gesundheit?

Prof. Dr. Gerd Glaeske kritisiert regelmäßig die Vermarktung bestimmter Pharmazeutika. Er weiß: PatientInnen sind immer noch das beste Kapital der Pharmaindustrie.

Dieses Buch versammelt Gerd Glaeskes wichtigste Artikel zu diesem Thema aus den letzten zehn Jahrgängen der Zeitschrift Dr. med. Mabuse.

Gerd Glaeske
Auf Kosten der Patienten?
Kritische Kommentare zur Pharmaindustrie
Mabuse-Verlag 2021, 213 S., 19,95 Euro
ISBN 978-3-86321-553-8

Prävention, Versorgung und Innovation von Neurodermitis

Ein unerträglicher Juckreiz – nachts noch quälender als am Tag – und trockene Haut sind die Hauptprobleme all jener, die unter Neurodermitis leiden.

Bei mehr als der Hälfte der Babys verschwindet die Erkrankung innerhalb weniger Jahre wieder, bei weiteren 20 % vor der Pubertät. Neurodermitis hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Etwa 10 bis 15 % der Kinder und 2,5 bis 3,5 % der Erwachsenen sind davon betroffen.

Leidet Ihr Kind an einer Neurodermitis, ist es besonders wichtig, die meist sehr trockene Haut gut zu pflegen. Bei Bedarf kann ein Eincremen auch mehrmals täglich angebracht sein. Durch die Basispflege wird die Hautbarriere gestärkt, Schübe werden seltener und verlaufen insgesamt milder.

Aber wie sieht es mit Präventionsmöglichkeiten aus? Könnte eine Hautpflege, beginnend in den ersten Lebenswochen, das Potenzial haben, die Entstehung einer Neurodermitis zu verhindern? Besonders gefährdet selbst eine Neurodermitis zu entwickeln sind Neugeborene, deren Eltern oder Geschwister Neurodermitis haben. Zwei kleinere Studien nährten zunächst die Hoffnung, dass prophylaktisches Cremen Risikokinder vor einer Neurodermitis schützen könnte. So bekamen manche Eltern von Hochrisikokindern den Rat, die Haut des Kindes täglich einzucremen. Nun ist aber Evidenz in der Prävention genauso wichtig wie ihre Berücksichtigung bei Diagnostik und Therapie. Von diesen Themen handelt dieser Hautreport zum Thema Neurodermitis – Kinder brauchen nachweislich wirksame Hilfe, um ihnen diese Hautkrankheit erträglich zu machen, und die Eltern, die Mütter und Väter brauchen sie auch, damit das Zusammenleben mit ihren Kindern möglichst wenig belastet wird. Wir alle, die an der Erstellung des Reportes beteiligt waren, würden uns freuen, wenn die Ratschläge und Empfehlungen, die hier angeboten werden, hierzu einen Beitrag leisten könnten.

Link zum Neurodermitisreport Kurzfassung

Link zum Neurodermitisreport Langfassung


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Sorgfältige Integration der Impfung in eine umfassende Präventionsstrategie | Impfkampagne resilient gestalten und wissenschaftlich begleiten | Aufklärung und Selbstbestimmung beachten

Folgende Kernaussagen werden erläutert:
 
  • die Impfung und die Impfkampagne gehören zur spezifischen, Zielgruppen-orientierten Prävention, denn
  • COVID19 ist eine Erkrankung der älteren Menschen (genaue Daten zur altersbezogenen Sterblichkeit)
  • die Lockdown-Politik ist nachweisbar bei dieser Bevölkerungsgruppe wirkungslos
  • bislang unerklärte Reduzierung um mindestens 6000 Intensivbetten seit Sommer 2020
  • die bisherigen Defizite der spezifischen Prävention machen sich besonders in den Pflegeheimen bemerkbar
  • Wirksamkeit der Impfstoffe: Endpunkte der Studien beziehen sich auf die symptomatische Erkrankung infizierter Patienten, nicht auf die Infektion als solche
  • infizierte Personen, die geimpft sind, weisen im Vergleich mit ungeimpften Personen ein 20fach niedrigeres Risiko auf, eine symptomatische Erkrankung zu entwickeln, die dann aber bei den Geimpften weniger schwer verläuft.
  • die Organisation einer Impfkampagne ist eine sehr anspruchsvolle Aufgaben für eine Gesellschaft und muss wie eine Mehrfachintervention geplant (und evaluiert) werden
  • die individuelle Aufklärung zur Impfung ist Pflicht
  • es sind drei Ziele und Strategien für die Impfkampagne denkbar. Darunter ist die Stabile Kontrolle unter der Überschrift "Leben mit dem Virus" die sinnvollste Alternative
  • für die erste Märzwoche wird eine wenig veränderte Melderate hochgerechnet, die Sterblichkeit wird jedoch wahrscheinlich sinken, soweit die Impfung bei Älteren wie gewünscht wirkt
  • Diskursfähigkeit muss erhalten bleiben,Gruppendenken vermieden werden, um die kommenden Herausforderungen der Epidemie gesellschaftlich bewältigen zu können.

 

Link zum Thesenpapier 7.0

 

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