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Presse- und Kurzmitteilungen der Abteilung "Gesundheit, Pflege und Alterssicherung".

Titelblatt Cannabis-ReportTitelblatt Cannabis-Report
Erste Studie zur Versorgung mit neuen Cannabis-Arzneimitteln vorgestellt

Seit März 2017 ist die Verordnung von Cannabis auf Rezept zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen möglich, obwohl die Studienlage zur Wirksamkeit und Sicherheit von Cannabis als Medizin bisher lückenhaft ist. Um die aktuelle Rolle von Cannabis als Therapieoption für verschiedene Krankheiten besser beurteilen zu können, wurde der Cannabis-Report von der Universität Bremen mit Unterstützung der TK erstellt. Die ersten repräsentativen Zahlen von Cannabis-Verordnungen können ein Licht auf die tatsächliche Versorgung bei den TK-Versicherten werfen und dazu dienen, die Diskussion um dieses neue Arzneimittel zu versachlichen.
Die grundsätzliche Behandlungsmöglichkeit durch Cannabis ist positiv zu bewerten, Cannabis ist aber im Vergleich zu den meisten bewährten Therapien keine gute Alternative. Im Einzelfall kann medizinisches Cannabis Patient*innen aber helfen.
Das ist eines der Ergebnisse des Cannabis-Reports, der am 17. Mai 2018 in Berlin vorgestellt wurde.

Weitere Informationen:
Gerd Glaeske/Kristin Sauer, Cannabis-Report, 2018
Präsentation zur Pressekonferenz Cannabis-Report, 17. Mai 2018, Berlin


Kontakt:
Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58559
E-Mail: gglaeske@uni-bremen.de

Naegler/Wehkamp (2018) Medizin zwischen Patientenwohl und ÖkonomisierungNaegler/Wehkamp (2018) Medizin zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung
Eine einmalige qualitative Studie zum Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Patientenwohl, mit praxisbezogenen Empfehlungen für mehr Transparenz in den Krankenhäusern.

Was bestimmt im Krankenhaus: Medizinische Vernunft oder ökonomische Zwänge?

Stehen die Patienten im Krankenhaus wirklich mit ihren gesundheitlichen Sorgen im Mittelpunkt? Sind die Steigerungen der Fallzahlen und die Komplexitätsgrade von Erkrankungen nur auf medizinische Gründe zurückzuführen? Oder sind diese Entwicklungen Ausdruck eines "Ökonomisierungsprozesses", in dem medizinische Indikationen mit wirtschaftlichen Interessen vermengt werden? Welchen Einfluss haben die Finanzierungs- und Steuerungskonzepte des Gesundheitssystems auf Inhalte und Charakter der Medizin in Krankenhäusern?

Die Autoren des vorliegenden Buches - der eine Arzt, der andere Ökonom - befragten im Rahmen einer qualitativen Studie Ärzte und Geschäftsführer deutscher Krankenhäuser, inwieweit medizinische Entscheidungen durch andere Interessen als die der Patienten beeinflusst werden. Die zusammengefassten Ergebnisse zeigen die Dilemmata auf, denen Geschäftsführer und Ärzte ausgesetzt sind, wenn sie zur Sicherung der wirtschaftlichen Existenz der Krankenhäuser Gewinne erzielen sollen: Das Patientenwohl rückt aus dem Fokus medizinischer und unternehmerischer Entscheidungen im Krankenhaus. Die Zahl der aufgenommenen Patienten steigt, Indikationen und Ablauf von Behandlungen werden ausgedehnt.

Diese Entwicklungen sind nicht nur für die Patienten bedenklich, auch der Arbeitsplatz Krankenhaus verliert für Mediziner und Pflege an Attraktivität. Die Autoren geben Ausblicke und Empfehlungen, inwiefern sich dies umkehren ließe. Krankenhäusern sollte der Druck genommen werden, für ihre Zukunftssicherung gewinnorientiert verhandeln zu müssen und das Patientenwohl sollte wieder ausschließliches Kriterium für medizinische Entscheidungen werden.

Weitere Informationen:
Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft


Kontakt:
Prof. Dr. Karl-Heinz Wehkamp
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
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Tel.: +49 421 218-58552
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Länger besser leben.-InstitutLänger besser leben.-Institut
Dies ist das Thema des ersten "Länger besser leben."-Kongresses der Universität Bremen und der BKK24 am 26.4.2018 in Hannover.

Trotz des bereits im Juli 2015 in Kraft getretenen Präventionsgesetzes wird das Potenzial von Prävention noch zu wenig genutzt. Dabei wird schon seit langer Zeit gefordert, die 4. Säule in unserem Gesundheitssystem neben der Behandlung, der Rehabilitation und der Pflege weiter auszubauen und zu stärken. Dazu will der Kongress des "Länger besser leben."-Institutes, einer seit 2016 bestehenden Kooperation der Universität Bremen und der Krankenkasse BKK24 zur Förderung von Prävention und Gesundheit, einen erkennbaren Beitrag leisten.

Es bereitet Ansätze und Ergebnisse der "Länger besser leben"-Gesundheitsinitiative der BKK24 (auf Basis der epic-Norfolk Studie) wissenschaftlich auf, entwickelt Aktivitäten, begleitet, fördert und implementiert innovative Gesundheits- und Präventionskonzepte auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse - nach der Maßgabe, dass die Wirksamkeit der Maßnahmen zumindest gesichert oder vielversprechend ist.

In diesem Kontext thematisiert der Kongress "Prävention stärken!" das gesundheitspolitische und gesundheitsökonomische Potenzial von Prävention und verknüpft dieses Ziel mit übergeordneten politischen Public-Health-Aspekten. Es geht um die Evaluation bisheriger Maßnahmen, z. B. bei der Behandlung von Diabetes und Adipositas, um die Entwicklung neuer Konzepte und um einen verbesserten Ergebnistransfer in die Öffentlichkeit.

Steigende Lebenserwartung, zunehmende Dominanz von chronischen Erkrankungen und durch Bildungsstandards und Sozialstatus bedingte Ungleichheiten in der Chancenverteilung für ein gesundes und langes Leben bestimmen die Rahmenbedingungen der Entwicklung der Gesundheit in Deutschland. In diesem Zusammenhang kann Prävention zu einer bestimmenden und bedeutenden Einflussgröße moderner Gesundheitssicherung auf medizinischer, politischer und ökonomischer Ebene werden. Die Nutzung präventiver und gesundheitsfördernder Maßnahmen soll

  • die Ungleichheit von Gesundheitschancen reduzieren,

  • die Krankheitshäufigkeit in unserer Gesellschaft verringern,

  • die Dauer von Morbidität in unserer Gesellschaft längeren Lebens verkürzen ("compression of morbidity")

  • und sich damit auf Dauer auch kostendämpfend auf das Gesundheitssystem auswirken.

"Prävention kann auf Dauer die Ausgaben für die Behandlung bestimmter Krankheiten senken - ein wichtiger Aspekt für die Zukunftsfähigkeit unseres Gesundheitssystems. Dieses Potenzial wird in Bezug auf gesundheitsökonomische Aspekte und die Lebensqualität der Bevölkerung noch immer zu wenig wahrgenommen.", so Prof. Dr. Gerd Glaeske, der wissenschaftliche Leiter des "Länger besser leben."-Institutes und Veranstalter des Kongresses.

Nachdem das Augenmerk der Gesundheitspolitik in den vergangenen Jahren vornehmlich der kurativen Medizin gegolten hat, sind nun Bestrebungen zu erkennen, die zwischenzeitlich belegten Möglichkeiten der Prävention zu nutzen und systematisch auszubauen. Diese Entwicklung ist zu begrüßen, da die vorliegenden Erkenntnisse zeigen, dass eine Fokussierung auf den kurativen Bereich ("Reparaturmedizin") nicht nur Ineffizienzen fortschreibt, sondern auch Behandlungsbelastungen für Patientinnen und Patienten, vorzeitige Erkrankung und Tod nach sich zieht. Dies könnte durch eine frühzeitig begonnene und wirksame Präventions- und Gesundheitsförderungsstrategie verhindert werden. Die Verbindung von Prävention und Gesundheitsförderung ist letztlich eine wirkungsvolle Strategie, die Gesundheitspotenziale der Bevölkerung auszuschöpfen und einen Beitrag zum Abbau gesundheitlicher Ungleichheit sowie zu einer Verringerung der Inanspruchnahme des gesundheitlichen Versorgungssystems zu leisten. Prävention trägt somit individuell und gesellschaftlich zu mehr Wohlbefinden und Lebensqualität bei.

BKK24-Vorstand Friedrich Schütte sieht mit der skizzierten Ausrichtung des "Länger besser leben."-Instituts und der Zielrichtung des Präventionskongresses eine "Investition in die Zukunft" mit nachhaltigen Vorteilen für eine "verbesserte Versorgungsqualität" und für "geringere Leistungsausgaben".

Auch der Geschlechteraspekt scheint bei der Gesundheitsförderung mittlerweile auf allen Ebenen angekommen zu sein, nicht zuletzt im Präventionsgesetz: "Bei den Leistungen der Krankenkassen ist geschlechtsspezifischen Besonderheiten Rechnung zu tragen" - bei der Prävention und allen weiteren Aktivitäten der gesetzlichen Krankenkassen. Prof. Dr. Petra Kolip, Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung an der Universität Bielefeld, betont, dass in der Praxis die Berücksichtigung des Geschlechts ein zentraler Indikator für Zielgruppengerechtigkeit sein sollte: "Es wäre zu wünschen, dass die einschlägigen Akteure die Umsetzung des Präventionsgesetzes auch in diesem Punkt ernst nehmen. Der Qualitätssprung wäre vermutlich groß."

Download:
Pressemitteilung und Pressemappe
zum "Länger besser leben."-Kongress der Universität Bremen und der BKK24 am 26. April 2018

Präsentationen:
Thomas Altgeld/ Prof. Dr. Petra Kolip
Prof. Dr. Detlef Kuhlmann
Prof. Dr. Bärbel-Maria Kurth
Prof. Dr. Hans Hauner
Prof. Dr. Rolf Rosenbrock
Prof. Dr. Gerd Glaeske

Weitere Informationen:
"Länger besser leben."-Institut

 


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Professor Heinz RothgangProfessor Heinz Rothgang
Hauptstudie zur Mortalitätsevaluation des deutschen Mammographie Screening-Programms unter Beteiligung des SOCIUM gestartet.

Zur Früherkennung von Brustkrebs nehmen jährlich mehr als 2.850.000 Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren am deutschen Mammographie-Screening-Programm (MSP) teil. Ob und in welchem Umfang das in Deutschland seit 2009 flächendeckend implementierte MSP zu einer Reduzierung der Brustkrebsmortalität beiträgt, wird gegenwärtig im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) überprüft. Nach erfolgreichem Abschluss der Machbarkeitsphase (Laufzeit: Juli 2012 bis September 2016) wird seit Januar 2018 im ersten Teil der Hauptphase eine Datengrundlage geschaffen, auf deren Basis im zweiten Teil der Hauptphase Analysen zur Evaluation des deutschen MSP durchgeführt werden.

Am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen wird unter der Leitung von Prof. Dr. Heinz Rothgang und Jonas Czwikla im Modell Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) in Zusammenarbeit mit der BARMER sowie in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS eine auf GKV-Routinedaten basierende Datengrundlage für die Mortalitätsevaluation des deutschen MSP aufgebaut.

Generalunternehmer des Forschungsvorhabens ist die Universität Münster. Weitere Unterauftragnehmer sind das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS (ebenfalls Modell GKV), das Landeskrebsregister NRW (Modell epidemiologische Krebsregister) und die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren (Modell klinische Krebsregister).

Finanziert wird das Vorhaben durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und die Träger der Kooperationsgemeinschaft Mammographie (KoopG). Das Fördervolumen des SOCIUM beträgt 350.970 €.

Weitere Informationen zur Hauptstudie und Machbarkeitsstudie.


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Prof. Dr. Heinz Rothgang
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Jonas Czwikla
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Wissenschaftsschwerpunkt GesundheitswissenschaftenWissenschaftsschwerpunkt Gesundheitswissenschaften
Schwerpunktheft mit Beiträgen der Tagung des Wissenschaftsschwerpunktes Gesundheitswissenschaften.

Der Wissenschaftsschwerpunkt Gesundheitswissenschaften richtete im Juni 2017 die internationale Tagung "Altern, Gesundheit, Gerechtigkeit - Anforderungen an ein gerechtes Gesundheitssystem" aus.
Ergänzend zur Tagung ist jetzt - herausgegeben von den Sprecherinnen und Sprechern des Wissenschaftsschwerpunktes - ein Schwerpunktheft des International Journal of Environmental Research and Health mit dem Titel "Key Issues in Current Health Research: Ageing-Health-Equity" erschienen.

Neben Beiträgen zum Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Gesundheit sowie von sozialer Ungleichheit und gesundheitlicher wie auch pflegerischer Versorgung von älteren Menschen, umfasst das Schwerpunktheft auch die Diskussion methodischer Fragen, wie zum Beispiel die partizipatorische Einbeziehung älterer Menschen in die Forschung und die Notwendigkeit der interkulturellen Anpassung von Forschungsinstrumenten.

Weitere Informationen:
Die Beiträge stehen auf der Webseite des International Journal of Environmental Research and Health zum Download zur Verfügung.


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Prof. Dr. Heinz Rothgang
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Professor Heinz RothgangProfessor Heinz Rothgang
Am Forschungszentrum SOCIUM der Universität Bremen wird die wichtigste pflegepolitische Frage der aktuellen Legislaturperiode bearbeitet.

Sie haben die europaweite Ausschreibung für eine wichtige Expertise gewonnen und damit 3,7 Millionen Euro Drittmittel eingeworben: 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Forschungszentrums Ungleichheit und Sozialpolitik (SOCIUM) der Universität Bremen sollen jetzt unter der Leitung von Professor Heinz Rothgang ein fundiertes Verfahren zur einheitlichen Bemessung des Personals in Pflegeeinrichtungen entwickeln und erproben.

Die Personalausstattung von Pflegeheimen - schon immer ein Thema

Die Personalausstattung von Pflegeheimen ist unzureichend: So lautet eine Klage, die schon so alt ist wie die Pflegeversicherung selbst, also mehr als 20 Jahre. Die Personalausstattung fällt zudem im Bundesgebiet äußerst unterschiedlich aus. Ein Beispiel: In stationären Einrichtungen in Bayern wird pro Pflegebedürftigem 20 Prozent mehr Personal eingesetzt als in Sachsen-Anhalt. Bislang sind schon mehrere Versuche gescheitert, ein bundeseinheitliches Personalbemessungsverfahren einzuführen.

Im Zweiten Pflegestärkungsgesetz hat der Gesetzgeber daher die Vertragsparteien der Pflege-Selbstverwaltung verpflichtet, bis zum 30. Juni 2020 ein fundiertes Verfahren zur einheitlichen Bemessung des Personals in Pflegeeinrichtungen nach qualitativen und quantitativen Maßstäben wissenschaftlich entwickeln und erproben zu lassen. Dazu müssen die Vertragsparteien fachlich unabhängige wissenschaftliche Einrichtungen beauftragen.

Neues Pflegeverständnis in der Praxis nötig

Die Frage nach einer angemessenen Personalausstattung hat zuletzt weiter an Bedeutung gewonnen - angestoßen durch die große Pflegereform in der vergangenen Legislaturperiode. Der im Rahmen dieser Reform eingeführte "neue Pflegebedürftigkeitsbegriff" zielt darauf ab, die Selbständigkeit der Pflegebedürftigen zu erhalten und zu fördern. Bei der Umsetzung wird es in den kommenden Jahren wichtig sein, auch ein verändertes Pflegeverständnis in der Praxis zu schaffen. Es soll sich vom bisherigen "Verrichtungsbezug" entfernen. Mit "Verrichtungen" sind unerlässliche Tätigkeiten des Alltags gemeint, also Essen, Trinken, Einkaufen, Kochen, Putzen usw..

Zentraler Faktor: Menge und Ausbildungsgrad des Pflegepersonals

Der zentrale Faktor für ein verändertes Pflegeverständnis ist das Pflegepersonal. Dessen Zahl und der Ausbildungsgrad der Pflegenden werden künftig im Mittelpunkt der politischen Bemühungen zur Weiterentwicklung der Pflegeversicherung stehen. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff muss somit zum Anlass genommen werden, die Personalausstattung zu überprüfen und an den sich verändernden Bedarf anzupassen. Dies wird das Team von Professor Rothgang in den kommenden Jahren tun.


Kontakt:
Prof. Dr. Heinz Rothgang
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
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Tel.: +49 421 218-58557
E-Mail: rothgang@uni-bremen.de

Thomas Kalwitzki
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Mathias Fünfstück
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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Barmer-Pflegereport 2017Barmer-Pflegereport 2017
Autorenteam des SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen erstellt Pflegereport 2017 im Auftrag der BARMER.

Heute wurde im Tagungszentrum im Haus der Bundespressekonferenz der diesjährige BARMER Pflegereport vorgestellt. Darin wurden insbesondere die unterschiedliche Bedarfs- und Versorgungslage von jungen Pflegebedürftigen (0 bis 59 Jahre) analysiert. Zudem wurden die Auswirkungen der jüngsten Pflegereformen auf die Versorgung der Pflegebedürftigen untersucht. Die Arbeitsgruppe des SOCIUM unter Leitung von Professor Heinz Rothgang, bestehend aus Dr. Rolf Müller, Rebecca Runte und Dr. Rainer Unger liefert dazu auch vertiefende Untersuchungen zu Fallzahlen, Inzidenzen, Prävalenzen und Pflegeverläufen. Wesentliche Datengrundlagen sind die Pflegestatistik 2015, das sozio-ökonomische Panel, die Routinedaten der BARMER sowie eine eigens für das Schwerpunktthema durchgeführte Versichertenbefragung.

Leistungsausweitung lässt die Zahl der Pflegebedürftigen steigen
Die Leistungsausweitungen der Pflegeversicherung führt - zusätzlich zum demografischen Effekt - zu einer steigenden Zahl Pflegebedürftiger, da sich aufgrund der neuen oder erhöhten Leistungen mehr Menschen als bisher einer Pflegebegutachtung unterziehen. Gleichzeitig ist die Prävalenz hoher Pflegstufen (jetzt Pflegegraden) tendenziell rückläufig.

Pflegebedürftigkeit ist auch unter jungen Menschen sehr häufig
Langzeitpflege betrifft nicht nur alte Menschen. Von den 2,86 Millionen in der Pflegestatistik 2015 ausgewiesenen Pflegebedürftigen mit Pflegestufe I-III waren 386.000 und damit 13,5% jünger als 60 Jahre. Sie unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von älteren Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Während der weitaus größere Teil der Pflegebedürftigen weiblich ist, verhält es sich bei den jüngeren genau entgegengesetzt. So gab es im Jahr 2015 "nur" 175.000 weibliche, aber dafür 211.000 männliche Pflegebedürftige bis 59 Jahre.

Junge Pflegebedürftige haben andere Erkrankungen und Behinderungen
Mit der Pflegebedürftigkeit älterer Menschen werden Erkrankungen wie Demenz und Schlaganfall in Verbindung gebracht; bei jungen Pflegebedürftigen findet sich hingegen eine Reihe anderer Erkrankungen und Störungen. Von den jungen Pflegebedürftigen haben 35 Prozent Lähmungen, 32 Prozent Intelligenzminderungen, 24 Prozent Epilepsie, 22 Prozent Entwicklungsstörungen und zehn Prozent das Down-Syndrom. Dafür sind Demenzen und Schlaganfälle bei jungen Pflegedürftigen deutlich seltener. Das geringere Alter in Verbindung mit diesem Erkrankungsspektrum führt zu einer höheren Überlebensrate und zu einer höheren Austrittsrate aus der Pflegebedürftigkeit.
Insgesamt 89 Prozent der jungen Pflegebedürftigen haben einen Grad der Behinderung von mindestens 20 und damit Ansprüche auf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (§ 33 SGB IX) und am Leben in der Gemeinschaft (§ 55 SGB IX). Insbesondere für junge Pflegebedürftige ist das abgestimmte Zusammenwirken der verschiedenen Leistungsträger daher von zentraler Bedeutung.

Der Wunsch nach selbstbestimmtem Wohnen bleibt häufig unerfüllt
Für das Schwerpunktthema des Reports wurde eine Befragung von BARMER-Versicherten im Alter bis zu 59 Jahren durchgeführt, bei deren Auswertung insgesamt 1.747 vollständig ausgefüllte Fragebögen berücksichtigt werden konnten. Gemäß den Befragungsergebnissen wünschen sich junge Pflegebedürftige häufig ein Leben in Wohngruppen, in betreuten Wohngemeinschaften, in einer eigenen Wohnung oder in Behinderteneinrichtungen. An Versorgungsangeboten mangelt es aber. Am höchsten ist die Zufriedenheit mit der eigenen Wohnsituation bei den Alleinlebenden (93 Prozent) und den in Partnerschaft Lebenden (91 Prozent); am geringsten ist sie bei den Bewohnern von Pflegeheimen (63 Prozent). Der Wunsch, die gegenwärtige Wohnsituation zu ändern, besteht vielfach. So wünschen sich rund 35 Prozent der 10- bis 29-Jährigen in Wohngruppen oder betreute Wohngemeinschaften zu ziehen. Rund die Hälfte findet aber kein passendes Angebot.

Versorgungslücken zeigen sich bei Kurzzeitpflege und Tagespflege
Ein Mangel an alters- oder erkrankungsgerechten Versorgungsangeboten wird auch bei Kurzzeitpflege oder Tagespflege festgestellt. Der in der Versichertenbefragung geäußerte Wunsch nach Kurzzeitpflege und Tagespflege ist etwa doppelt so groß wie die angegebene derzeitige Nutzung. Im Resultat wird damit ein zusätzlicher Bedarf an von 3.400 Kurzzeitpflegplätzen und 4.000 Tagespflegeplätzen deutlich. Die Kurzzeitpflege und Tagespflege wird in den bestehenden Formen überwiegend deshalb nicht genutzt, weil sie als nicht altersgerecht und nicht angepasst an die eigene Erkrankung empfunden wird.

Versorgungsqualität wird von jungen Pflegebedürftigen in Behinderteneinrichtungen und Wohngruppen als besser bewertet
Bei der Bewertung der Versorgungsqualität durch junge Pflegebedürftige schnitten Pflegeheime und häusliche Versorgungssettings mit Pflegediensten schlechter ab als die Versorgung im Behindertenheim oder in den Wohngruppen. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass die Versorgung der jungen Pflegebedürftigen in Teilen am Bedarf (Wunsch nach mehr Versorgung in Wohngruppen und im Behindertenwohnheim bei entsprechender Qualität) vorbei geht.

Download:
Barmer-Pflegereport 2017
Statement von Prof. Rothgang anlässlich der Pressekonferenz am 09.11.2017
Vortrag von Prof. Rothgang anlässlich der Pressekonferenz am 09.11.2017
Infografiken zum Barmer-Pflegereport


Kontakt:
Prof. Dr. Heinz Rothgang
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58557
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Dr. Rainer Unger
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Dr. rer. pol. Rolf Müller
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Abschlussveranstaltung zu der von den Professoren Heinz Naegler (Berlin) und Karl-Heinz Wehkamp (Bremen/SOCIUM) durchgeführten Studie.

Am 6. November 2017 richtet das SOCIUM die Abschlussveranstaltung eines empirischen Forschungsprojekts aus, das von dem Ökonomen Professor Heinz Naegler, Berlin und dem Arzt und Soziologen Professor Karl-H. Wehkamp, SOCIUM, durchgeführt wurde. Thema: Ökonomisierung patientenbezogener ärztlicher Entscheidungen im Krankenhaus. Die Ergebnisse werden von einem Podium diskutiert, dem die Bremer Senatorin für Gesundheit Professorin Eva Quante-Brandt, die Präsidentin der Ärztekammer Bremen Dr. Heidrun Gitter, der Vorsitzende der Bremer Krankenhausgesellschaft Jürgen Scholz sowie der Leiter der Abteilung Stationäre Versorgung AOK-Bundesverband Dr. Jürgen Malzahn angehören. Die Vorsitzende des Aktionsbündnisses Krankenhaus und langjährige Pflegedirektorin der Charité Berlin, Hedwig Francois-Kettner, wird zur Thematik aus Sicht der Patientensicherheit sprechen.
Die wissenschaftliche und organisatorische Leitung liegt bei Professor Heinz Rothgang und Dr. Joachim Larisch vom SOCIUM.

Steht der Patient tatsächlich mit seinen gesundheitlichen Interessen im Mittelpunkt, wenn er ins Krankenhaus aufgenommen, dort behandelt und wieder entlassen wird? Ist der zu beobachtende fortwährende Anstieg der Fallzahlen und der Komplexitätsgrade der Erkrankungen ausschließlich auf medizinischen Bedarf zurückzuführen? Entspricht die Ausrichtung der Kliniken den gesundheitlichen Bedürfnissen der Bevölkerung? Oder sind diese Entwicklungen Ausdruck eines "Ökonomisierungsprozesses", der medizinische Indikationen zunehmend mit wirtschaftlichen Interessen vermengt? Verändern die Finanzierungs- und Steuerungskonzepte des Gesundheitssystems auch die Inhalte und den Charakter der Medizin und der Krankenhäuser?

Die vorgelegten Ergebnisse der qualitativen Studie zeigen die Dilemmata auf, denen Geschäftsführer und Ärzte ausgesetzt sind, wenn sie zur Sicherung der wirtschaftlichen Existenz der Kliniken Gewinne erzielen müssen. Wenn das Patientenwohl konsequent als Maßstab patientenbezogener und unternehmerischer Entscheidungen berücksichtigt würde, wäre die Zahl der in die stationäre Behandlung aufgenommenen Patienten geringer, die Behandlungsprozesse könnten sorgsamer, zuwartend und weniger aggressiv verlaufen. Der Arbeitsplatz Krankenhaus wäre attraktiver und gesünder und das Problem des Fachkräftemangels wäre ebenfalls geringer. Vorausgesetzt freilich, dass genügend Fachpersonal vorhanden wäre und der Druck der Krankenhäuser, Gewinne zu ihrer Zukunftssicherung zu machen, vermindert würde.

Die beiden Autoren - der eine Arzt, der andere Ökonom - befragten Ärzte und Geschäftsführer deutscher Krankenhäuser danach, ob medizinische Entscheidungen durch andere Interessen als die der Patienten beeinflusst werden und wenn ja, warum dieses so ist. Die Ergebnisse werden in Buchform (Naegler H., Wehkamp K.-H.: Medizin im Krankenhaus zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung von der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsanstalt, Berlin) sowie im Deutschen Ärzteblatt und im Monitor Versorgungsforschung publiziert. Das NDR-Fernsehen ist anwesend und produziert eine ausführliche Dokumentation zu dem Thema.

Weitere Informationen zu den Vorträgen:

  • Naegler, Heinz; Wehkamp, Karl-Heinz: Ergebnisse der Studie und Empfehlungen, Medizin im Krankenhaus zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung. Ärzte und Geschäftsführer im Interview, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik, Universität Bremen, Bremen, Deutschland

  • Rothgang, Heinz: Einführung, Medizin im Krankenhaus zwischen Patientenwohl und Ökonomisierung. Ärzte und Geschäftsführer im Interview, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik, Universität Bremen, Bremen, Deutschland


Kontakt:
Prof. Dr. Heinz Rothgang
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58557
E-Mail: rothgang@uni-bremen.de

StB Dr. Joachim Larisch
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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E-Mail: jlarisch@uni-bremen.de

Innovationsreport 2017Innovationsreport 2017
Der Innovationsreport 2017 wird von Gesundheitsexperten des SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen am 20. September auf der Bundespressekonferenz in Berlin vorgestellt.

Seit fünf Jahren erscheint in Herausgeberschaft von Professor Gerd Glaeske (SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik) und Professor Wolf-Dieter Ludwig (Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft) der Innovationsreport mit Unterstützung der Techniker Krankenkasse. Der Forschungsbericht bewertet im Rückblick Arzneimittel, die seit drei Jahren in Deutschland zugelassen sind und von der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erstattet werden. Die Bewertungen der 32 beurteilten Arzneimittel fielen eher durchschnittlich aus, kein einziges erhielt die Gesamtbestnote "Grüne Ampel".

Im Innovationsreport werden verschiedene Aspekte der neuen Arzneimittel nach ihrer Bewährungsprobe im Alltag analysiert und Fragen beantwortet wie: Ist das Arzneimittel das einzige zur Behandlung der betreffenden Krankheit? Hat es mehr Nutzen und/oder weniger Risiken für die Patienten als andere Arzneimittel, die zur Behandlung der jeweiligen Krankheit angeboten werden und wie teuer ist es? Gibt es weitere Hinweise in Veröffentlichungen, die seit der Zulassung des jeweiligen Mittels dessen Bewertung verändern können (z.B. bezüglich der Patientengruppen)? Diese Fragen werden mithilfe eines Ampelsystems beantwortet. Dabei steht eine "rote" Ampel für eine kritische Bewertung, eine "gelbe" für eine eher offene Klassifikation und eine "grüne" für eine positive Gesamteinschätzung.

Nahezu die Hälfte der untersuchten Arzneimittel ohne Zusatznutzen
Der untersuchte Zusatznutzen wurde 15 Mal mit "rot" bewertet, d.h. nach Einführung des Arzneimittels hat es sich nicht als wirksamer oder risikoärmer als bereits bestehende Therapien gezeigt. Unübersehbares Indiz eines nach der Zulassung aufgetretenen Risikos sind "Rote-Hand-Briefe", mit denen Ärzte und Apotheken auf bisher nicht bekannte Risiken hingewiesen oder mit denen Einschränkungen für die Behandlung bekannt gemacht werden. Für sechs der im Innovationsreport 2017 untersuchten neuen Wirkstoffe wurden Rote-Hand-Briefe verschickt, für zwei sogar doppelt.
Die meisten Wirkstoffe bekamen im Innovationsreport 2017 in Bezug auf den Zusatznutzen eine gelbe Ampel. Eine grüne Ampel für eine Innovation ohne Nachteile konnte dagegen keinem der 2014 neu auf den Markt gebrachten Arzneimittel gegeben werden, auch wenn einige Arzneimittel zum Zeitpunkt ihrer Zulassung z.B. für Krebserkrankungen oder Hepatitis C große Hoffnungen ausgelöst hatten. Gerade bei den Mitteln zur Behandlung der Hepatitis-C besteht allerdings die Möglichkeit, dass einzelne Patientengruppen auf Dauer sogar geheilt werden können.

Kostenbewertung mit deutlich negativem Aspekt
Die Kosten wurden ebenfalls im Vergleich bewertet: Neun der untersuchten Arzneimittel waren teurer als Ihre Vergleichspräparate und bekamen eine rote Kostenampel. Bei zehn Wirkstoffen waren die Preise nicht zu bewerten, da sie zu den Arzneimitteln für die Behandlung seltener Erkrankungen gehören (Orphan-Drugs) gehören. Für diese Orphan-Arzneimittel gelten Sonderregeln, die u. a. finanzielle Einsparungen beim Zulassungsprocedere bedeuten und denen von vornherein ein Zusatznutzen zugesprochen wird. Fast 40 Prozent der im Innovationsreport 2017 untersuchten Wirkstoffe sind Orphan-Arzneimittel, deren Preise astronomische Höhen erreichen können. So gilt z.B. Alipogentiparvovec, ein Mittel zur Behandlung einer seltenen familiär bedingten Fettstoffwechselstörung mit Jahrestherapiekosten von 1,2 Millionen Euro pro Patient als teuerster Wirkstoff der Welt. So wird dann ein hoher Umsatz durch die neu-zugelassenen Arzneimittel für die pharmazeutischen Unternehmer erzielt, der eine große Belastung für das deutsche Gesundheitssystem bedeutet.

Ergänzung des Arzneimittelrepertoires
Wenn neue Arzneimittel auf den Markt kommen, die in Konkurrenz zu bereits bewährten, guten Therapien treten, wird im Innovationsreport 2017 für die Kategorie "Verfügbare Therapien" eine rote Ampel vergeben. Gibt es bisher keine Arzneimitteltherapie für eine Krankheit, verdient ein neuer Wirkstoff für diese Indikation eine grüne Ampel. Für den Vergleich mit den verfügbaren Therapien erhielten im vorliegenden Report fünf Orphan-Arzneimittel diese Note. Die betreffenden Mittel konnten allerdings keinen Zusatznutzen nachweisen, sodass die Gesamtbewertung mit der Ampelfarbe "gelb" erfolgte.

Biosimilars mit Einsparpotenzial bei der GKV
In einem Sonderkapitel des Innovationsreportes 2017 werden Biosimilars behandelt, die als Nachfolgeprodukte der erstangebotenen Biologika nach deren Patentablauf auf dem Markt sind. Beides sind Produkte, die nicht wie gängige Arzneimittel chemisch synthetisiert werden, sondern die künstlich hergestellte Eiweiße enthalten und die gegen bestimmte entzündungsfördernde Botenstoffe des Körpers gerichtet sind. Sie werden vor allem bei Indikationen wie Rheumatoide Arthritis, Psoriasis oder onkologischen Erkrankungen ohne klinische Nachteile für die Patienten eingesetzt. Da Biosimilars etwa 25 bis 30 % kostengünstiger als die vorher patentgeschützten Biologika angeboten werden, lässt sich wie mit den Generika im herkömmlichen Arzneimittelsegment ein hohes Einsparpotenzial erreichen. Es wird derzeit auf bis zu 500 Millionen Euro allein in der Krebstherapie geschätzt. Das Angebot wird sich weiter entwickeln, je mehr Originalpräparate ihren Patentschutz verlieren. Nun muss nur noch die Verordnungshäufigkeit der Biosimilars gefördert werden.

Spätbewertung nach der Frühbewertung notwendig
Ein weiteres Thema des Innovationsreportes 2017 ist der wachsende Anteil beschleunigter Zulassungen im Arzneimittelmarkt. Damit soll erreicht werden, dass neue Arzneimittel schneller für die Patientenversorgung zur Verfügung stehen. Der Nachteil solcher beschleunigter Zulassungen liegt aber darin, dass deutlich weniger Informationen zur Wirksamkeit und zu Nebenwirkungen vorliegen als bei den üblichen Zulassungsverfahren. Es muss daher dafür Sorge getragen werden, dass neue Arzneimittel, die auf der Basis einer beschleunigten Zulassung auf den Markt gebracht werden, nach der Zulassung in einem studienähnlichen Versorgungsumfeld eingesetzt werden. So können weitere Daten zum Nutzen und zu den Risiken der neuen Mittel erfasst und ausgewertet werden. Es kann nicht sein, dass die Interessen der pharmazeutischen Unternehmer an einem möglichst schnellen Marktzugang mit der Möglichkeit, hohe Profite im Rahmen einer möglichst lange ausgenutzten Patentlaufzeit Vorrang haben vor Therapiesicherheit und Patientenschutz.

Die Ergebnisse und Bewertungen des Innovationsreports 2017 zeigen deutlich, dass auch bei einem üblichen Zulassungsverfahren Fragen zu Risiken und Nutzen in der Patientenversorgung nicht mit ausreichender Sicherheit im frühen Stadium der AMNOG-Bewertung beantwortet werden können. Deshalb ist es umso wichtiger, zu einem späteren Zeitpunkt eine erneute Nutzen- und Risikoprüfung durchzuführen - der "Frühbewertung" muss nach der Bewährungsprobe der Arzneimittel in den ersten drei Jahren eine "Spätbewertung" auf der Basis von Studien der Versorgungsforschung folgen. Der Innovationsreport 2017 bietet hierfür eine mögliche Methodik an, die sich zugunsten der Patienten begleitend zu den bisherigen Regelungen anwenden ließe.

Der Innovationreport bietet somit aktuelle Informationen für Arzneimittel an, die bereits auf dem Markt verfügbar sind, und kann somit Erfahrungen aus den ersten Jahren der Anwendung widergeben, die für Ärzte und Patienten mehr Sicherheit in der Behandlung bedeuten.

Download:
Langfassung: Innovationsreport 2017
Kurzfassung: Innovationsreport 2017

Statement von Prof. Gerd Glaeske anlässlich der Pressekonferenz am 20.09.2017
Präsentation von Prof. Gerd Glaeske anlässlich der Pressekonferenz am 20.09.2017

Weitere Informationen:
Livestream Pressekonferenz
Einzelheiten zu den aktuellen und vorherigen Innovationsreporten


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Prof. Dr. Gerd Glaeske
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Prof. Dr. Gerd GlaeskeProf. Dr. Gerd Glaeske
Professor Gerd Glaeske veröffentlicht zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen im Rahmen der vergleichenden Versorgungsforschung zwei internationale Publikationen.

Die Verordnungshäufigkeit von ADHS-Medikamenten bei Kindern und Jugendlichen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten in den USA deutlich erhöht. Erstmals liegen zum Thema auch vergleichende Ergebnisse für Deutschland, Dänemark, die Niederlande, England und die USA vor. Eine internationale Forschergruppe um Professor Gerd Glaeske analysierte im Rahmen einer vergleichenden Versorgungsforschung die Medikamentengabe bei ADHS, unter Berücksichtigung von Prävalenz, Alter und Geschlecht. 

Die wiederholte Querschnittsanalyse von 2005-2012 kommt zu dem Ergebnis, dass trotz des verhältnismäßig geringeren Einsatzes in den vier europäischen Ländern, der Einsatz von ADHS Medikamenten (vorwiegend Methylphenidat) bei Kindern und Jugendlichen stark gewachsen ist. Dagegen kommt es bei der amerikanischen Kohorte nur zu einem moderaten Anstieg (nahezu gleichermaßen mit Methylphenidat und Amphetamin). 

Zusammen mit dem gleichen internationalen Expertenteam untersuchte Gerd Glaeske auch das Verschreibungsverhalten von Antidepressiva für Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahren. Nach einer Black-Box Warnung vor 12 Jahren zur Suizidgefahr bei Kindern und Jugendlichen nach der Einnahme von Antidepressiva kam es zu einem Rückgang der Verschreibungen. 

Die Ergebnisse der Studie mit Vergleichsdaten der o.a. Länder für den Zeitraum 2005-2012 sind jetzt veröffentlicht: die Verschreibungen steigen in Deutschland um 50% an; der Anstieg ist in Dänemark mit 60% am höchsten, in den Niederlanden mit 18 % am moderatesten. Dennoch erhalten in Deutschland nur 0,5% der Jugendlichen bis 19 Jahren überhaupt Antidepressiva. Diskutiert wird daher eine mögliche Unterversorgung bei den 3-6% an Depression erkrankten Kindern und Jugendlichen. Zum Vergleich werden in Dänemark und England an 1% und in den USA an 1,6 % dieser Altersgruppe Antidepressiva verordnet.

Weitere Informationen:
Bachmann, Christian J.; Wijlaars, Linda; Kalverdijk, Luuk J.; Burcu, Mehmet; Glaeske, Gerd; Schuiling-Veninga, Catharina C. M.; Hoffmann, Falk; Aagaard, Lise; Zito, Julie M., 2017: Trends in ADHD medication use in children and adolescents in five western countries, 2005-2012, in: European Neuropsychopharmacology, 27 (5), S. 484 - 493, doi:10.1016/j.euroneuro.2017.03.002

Bachmann, Christian J.; Aagaard, Lise; Burcu, Mehmet; Glaeske, Gerd; Kalverdijk, Luuk J.; Petersen, Irene; Schuiling-Veninga, Catharina C. M.; Wijlaars, Linda; Zito, Julie M.; Hoffmann, Falk, 2016: Trends and Patterns of antidepressant use in children and adolescents from five western countries, 2005-2012, in: European Neuropsychopharmacology, 26 (3), S. 411 - 419, doi:10.1016/j.euroneuro.2016.02.001


Kontakt:
Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
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