Aktuelle Mitteilungen

Pressemitteilungen und Kurzmitteilungen sowie Veröffentlichungen, sonstige Veranstaltungshinweise und Stellenausschreibungen des SOCIUM.

Innovationsreport 2017Innovationsreport 2017
Der Innovationsreport 2017 wird von Gesundheitsexperten des SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen am 20. September auf der Bundespressekonferenz in Berlin vorgestellt.

Seit fünf Jahren erscheint in Herausgeberschaft von Professor Gerd Glaeske (SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik) und Professor Wolf-Dieter Ludwig (Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft) der Innovationsreport mit Unterstützung der Techniker Krankenkasse. Der Forschungsbericht bewertet im Rückblick Arzneimittel, die seit drei Jahren in Deutschland zugelassen sind und von der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erstattet werden. Die Bewertungen der 32 beurteilten Arzneimittel fielen eher durchschnittlich aus, kein einziges erhielt die Gesamtbestnote "Grüne Ampel".

Im Innovationsreport werden verschiedene Aspekte der neuen Arzneimittel nach ihrer Bewährungsprobe im Alltag analysiert und Fragen beantwortet wie: Ist das Arzneimittel das einzige zur Behandlung der betreffenden Krankheit? Hat es mehr Nutzen und/oder weniger Risiken für die Patienten als andere Arzneimittel, die zur Behandlung der jeweiligen Krankheit angeboten werden und wie teuer ist es? Gibt es weitere Hinweise in Veröffentlichungen, die seit der Zulassung des jeweiligen Mittels dessen Bewertung verändern können (z.B. bezüglich der Patientengruppen)? Diese Fragen werden mithilfe eines Ampelsystems beantwortet. Dabei steht eine "rote" Ampel für eine kritische Bewertung, eine "gelbe" für eine eher offene Klassifikation und eine "grüne" für eine positive Gesamteinschätzung.

Nahezu die Hälfte der untersuchten Arzneimittel ohne Zusatznutzen
Der untersuchte Zusatznutzen wurde 15 Mal mit "rot" bewertet, d.h. nach Einführung des Arzneimittels hat es sich nicht als wirksamer oder risikoärmer als bereits bestehende Therapien gezeigt. Unübersehbares Indiz eines nach der Zulassung aufgetretenen Risikos sind "Rote-Hand-Briefe", mit denen Ärzte und Apotheken auf bisher nicht bekannte Risiken hingewiesen oder mit denen Einschränkungen für die Behandlung bekannt gemacht werden. Für sechs der im Innovationsreport 2017 untersuchten neuen Wirkstoffe wurden Rote-Hand-Briefe verschickt, für zwei sogar doppelt.
Die meisten Wirkstoffe bekamen im Innovationsreport 2017 in Bezug auf den Zusatznutzen eine gelbe Ampel. Eine grüne Ampel für eine Innovation ohne Nachteile konnte dagegen keinem der 2014 neu auf den Markt gebrachten Arzneimittel gegeben werden, auch wenn einige Arzneimittel zum Zeitpunkt ihrer Zulassung z.B. für Krebserkrankungen oder Hepatitis C große Hoffnungen ausgelöst hatten. Gerade bei den Mitteln zur Behandlung der Hepatitis-C besteht allerdings die Möglichkeit, dass einzelne Patientengruppen auf Dauer sogar geheilt werden können.

Kostenbewertung mit deutlich negativem Aspekt
Die Kosten wurden ebenfalls im Vergleich bewertet: Neun der untersuchten Arzneimittel waren teurer als Ihre Vergleichspräparate und bekamen eine rote Kostenampel. Bei zehn Wirkstoffen waren die Preise nicht zu bewerten, da sie zu den Arzneimitteln für die Behandlung seltener Erkrankungen gehören (Orphan-Drugs) gehören. Für diese Orphan-Arzneimittel gelten Sonderregeln, die u. a. finanzielle Einsparungen beim Zulassungsprocedere bedeuten und denen von vornherein ein Zusatznutzen zugesprochen wird. Fast 40 Prozent der im Innovationsreport 2017 untersuchten Wirkstoffe sind Orphan-Arzneimittel, deren Preise astronomische Höhen erreichen können. So gilt z.B. Alipogentiparvovec, ein Mittel zur Behandlung einer seltenen familiär bedingten Fettstoffwechselstörung mit Jahrestherapiekosten von 1,2 Millionen Euro pro Patient als teuerster Wirkstoff der Welt. So wird dann ein hoher Umsatz durch die neu-zugelassenen Arzneimittel für die pharmazeutischen Unternehmer erzielt, der eine große Belastung für das deutsche Gesundheitssystem bedeutet.

Ergänzung des Arzneimittelrepertoires
Wenn neue Arzneimittel auf den Markt kommen, die in Konkurrenz zu bereits bewährten, guten Therapien treten, wird im Innovationsreport 2017 für die Kategorie "Verfügbare Therapien" eine rote Ampel vergeben. Gibt es bisher keine Arzneimitteltherapie für eine Krankheit, verdient ein neuer Wirkstoff für diese Indikation eine grüne Ampel. Für den Vergleich mit den verfügbaren Therapien erhielten im vorliegenden Report fünf Orphan-Arzneimittel diese Note. Die betreffenden Mittel konnten allerdings keinen Zusatznutzen nachweisen, sodass die Gesamtbewertung mit der Ampelfarbe "gelb" erfolgte.

Biosimilars mit Einsparpotenzial bei der GKV
In einem Sonderkapitel des Innovationsreportes 2017 werden Biosimilars behandelt, die als Nachfolgeprodukte der erstangebotenen Biologika nach deren Patentablauf auf dem Markt sind. Beides sind Produkte, die nicht wie gängige Arzneimittel chemisch synthetisiert werden, sondern die künstlich hergestellte Eiweiße enthalten und die gegen bestimmte entzündungsfördernde Botenstoffe des Körpers gerichtet sind. Sie werden vor allem bei Indikationen wie Rheumatoide Arthritis, Psoriasis oder onkologischen Erkrankungen ohne klinische Nachteile für die Patienten eingesetzt. Da Biosimilars etwa 25 bis 30 % kostengünstiger als die vorher patentgeschützten Biologika angeboten werden, lässt sich wie mit den Generika im herkömmlichen Arzneimittelsegment ein hohes Einsparpotenzial erreichen. Es wird derzeit auf bis zu 500 Millionen Euro allein in der Krebstherapie geschätzt. Das Angebot wird sich weiter entwickeln, je mehr Originalpräparate ihren Patentschutz verlieren. Nun muss nur noch die Verordnungshäufigkeit der Biosimilars gefördert werden.

Spätbewertung nach der Frühbewertung notwendig
Ein weiteres Thema des Innovationsreportes 2017 ist der wachsende Anteil beschleunigter Zulassungen im Arzneimittelmarkt. Damit soll erreicht werden, dass neue Arzneimittel schneller für die Patientenversorgung zur Verfügung stehen. Der Nachteil solcher beschleunigter Zulassungen liegt aber darin, dass deutlich weniger Informationen zur Wirksamkeit und zu Nebenwirkungen vorliegen als bei den üblichen Zulassungsverfahren. Es muss daher dafür Sorge getragen werden, dass neue Arzneimittel, die auf der Basis einer beschleunigten Zulassung auf den Markt gebracht werden, nach der Zulassung in einem studienähnlichen Versorgungsumfeld eingesetzt werden. So können weitere Daten zum Nutzen und zu den Risiken der neuen Mittel erfasst und ausgewertet werden. Es kann nicht sein, dass die Interessen der pharmazeutischen Unternehmer an einem möglichst schnellen Marktzugang mit der Möglichkeit, hohe Profite im Rahmen einer möglichst lange ausgenutzten Patentlaufzeit Vorrang haben vor Therapiesicherheit und Patientenschutz.

Die Ergebnisse und Bewertungen des Innovationsreports 2017 zeigen deutlich, dass auch bei einem üblichen Zulassungsverfahren Fragen zu Risiken und Nutzen in der Patientenversorgung nicht mit ausreichender Sicherheit im frühen Stadium der AMNOG-Bewertung beantwortet werden können. Deshalb ist es umso wichtiger, zu einem späteren Zeitpunkt eine erneute Nutzen- und Risikoprüfung durchzuführen - der "Frühbewertung" muss nach der Bewährungsprobe der Arzneimittel in den ersten drei Jahren eine "Spätbewertung" auf der Basis von Studien der Versorgungsforschung folgen. Der Innovationsreport 2017 bietet hierfür eine mögliche Methodik an, die sich zugunsten der Patienten begleitend zu den bisherigen Regelungen anwenden ließe.

Der Innovationreport bietet somit aktuelle Informationen für Arzneimittel an, die bereits auf dem Markt verfügbar sind, und kann somit Erfahrungen aus den ersten Jahren der Anwendung widergeben, die für Ärzte und Patienten mehr Sicherheit in der Behandlung bedeuten.

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Langfassung: Innovationsreport 2017
Kurzfassung Innovationsreport 2017

Statement von Prof. Dr. Gerd Glaeske

Präsentation zur Pressekonferenz Gerd Glaeske

Weitere Einzelheiten zu den aktuellen und vorherigen Innovationsreporten

 


Kontakt:
Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58559
E-Mail: gglaeske@uni-bremen.de

Prof. Dr. Carina SchmittProf. Dr. Carina Schmitt
1,5 Millionen Euro von der Europäischen Forschungsgemeinschaft für ihr Forschungsprojekt "Das Erbe des Kolonialismus: Ursachen und Auswirkungen von Sozialpolitik im Globalen Süden".

Große Freude im SOCIUM: Carina Schmitt, Professorin für Globale Sozialpolitik an der Universität Bremen, hat eine hohe Auszeichnung erhalten. Sie hat einen der begehrten ERC Starting Grants errungen. Der Europäische Forschungsrat (European Research Council) fördert nun ihre wissenschaftliche Arbeit mit knapp 1,5 Millionen Euro. Carina Schmitt erforscht das Vermächtnis des Kolonialismus mit Blick auf Ursprünge und Ergebnisse sozialer Sicherung. Sie untersucht, welche Rolle die koloniale Vergangenheit vieler armer Staaten in Bezug auf die Effektivität von Sozialpolitik zur Bekämpfung von Armut und Ungleichheit spielt. Zudem baut sie gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen eine Datenbank auf, die Informationen zu Sozialpolitiken in globaler und historischer Perspektive enthält.

"Ich freue mich sehr über diese Auszeichnung. Ich habe damit die Möglichkeit ein spannendes Forschungsprojekt in einem tollen Forschungsumfeld hier an der Universität Bremen umzusetzen. Das ist nicht selbstverständlich.", sagt Professorin Schmitt.

Der ERC Starting Grant wird in diesem Jahr europaweit an 406 junge Spitzenforscher und -forscherinnen vergeben. Insgesamt fördert der Europäische Forschungsrat die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit 605 Millionen Euro. Mit dem Geld soll es ihnen ermöglicht werden, ihre eigenen Forschungsideen mit ihren Teams unabhängig umsetzen zu können. Für die hohe Auszeichnung waren 3085 Vorschläge eingegangen.

Weitere Informationen: Arbeitsgruppe "Globale Sozialpolitik"


Kontakt:
Prof. Dr. Carina Schmitt
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58603
E-Mail: carina.schmitt@uni-bremen.de

Die Sektion "Organisationssoziologie" der Deutschen Gesellschaft für Soziologie veranstaltet am 08. und 09. Februar 2018 in Bremen ihre Frühjahrstagung.

Praktiken des Bewertens sind allgegenwärtig: Schülerinnen werden benotet, Universitäten gerankt, Preise festgelegt, Opernaufführungen kritisiert, Rechenschaftsberichte angefertigt, Gütesiegel vergeben, um nur einige Beispiele zu nennen. Organisationen sind dabei in vielfältiger Weise in das Bewertungsgeschehen einbezogen: Sie geben den sozialen Rahmen ab, in dem Bewertungen vollzogen werden, produzieren und kommunizieren Bewertungen und werden schließlich auch selbst regelmäßig bewertet, evaluiert, geratet und gerankt.

Besondere Aufmerksamkeit erhält die Bewertung von, durch und in Organisationen durch neuere Bewertungsformate, wie sie zum Beispiel mit Rechenschaftspflichten und Regimen der Leistungsbewertung im Zuge des New Public Management eingeführt werden. Auffällig ist auch der Aufstieg von Bewertungsplattformen, die nicht nur als technologische Infrastrukturen, sondern auch als Geschäftsgrundlage von Unternehmen fungieren. Gleichwohl sind aufwendige organisierte Bewertungsprozesse keinesfalls ein neues Phänomen. Beispielsweise stellt die katholische Kirche den heroischen Tugendgrad der Dienerinnen und Diener Gottes schon seit Jahrhunderten in einem hochgradig formalisierten und langwierigen Heiligsprechungsverfahren fest.

Die Sektionstagung zum Thema "Organisation und Bewertung" soll die Gelegenheit bieten, Phänomene der Bewertung in, von und durch Organisationen der verschiedensten sozialen Felder vergleichend in den Blick zu nehmen. Sie greift damit auf die Arbeiten eines sich in den vergangenen Jahren entwickelnden Forschungsfeldes zurück: der Soziologie der Bewertung (Lamont 2012; Peetz et al. 2016) bzw. Valuation Studies (Kjellberg et al. 2013). Einem pragmatistischen Impuls folgend, werden dort "Momente der Bewertung" (Hutter/Stark 2015) fokussiert, Bewertungspraktiken nachgezeichnet und zunehmen auch in ihren Kontextbedingungen und ihrer Verwobenheit analysiert. Dezidiert organisationssoziologisch interessierte Studien sind dabei jedoch noch selten (siehe als jüngere Ausnahmen etwa Kornberger 2017; Coutier et al. 2017). Hier setzt die Tagung mit dem Ziel an, das Potential einer bewertungssoziologischen Perspektive für die Organisationssoziologie und umgekehrt einer organisationssoziologischen Perspektive für die Bewertungssoziologie auszuloten.

Vorträge können sich beispielsweise auf folgende Fragenkomplexe beziehen:

  • Bewertung von Organisationen: Wie verändern sich die Bewertungsformate von Organisationen im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen? Wie reagieren Organisationen auf neue Bewertungszumutungen? Können etablierte Verfahren der organisierten Ignoranz durchgehalten werden, oder rücken Bewertungen näher an die organisationale Praxis? Wie verändern sich die Beziehungen zwischen Organisationen durch Bewertungsprozesse?

  • Bewertung durch Organisationen: Worin liegen die Quellen der Legitimität organisierter Bewertungen und wie gehen Organisationen mit etwaiger Kritik an diesen Bewertungen um? Entstehen neue Formen von Bewertungsorganisationen?

  • Bewertung in Organisationen: Wie beschränken und ermöglichen organisationale Strukturen Bewertungsinteraktionen? Wie unterscheiden sich organisierte von nicht-organisierten Bewertungspraktiken? Und wie spezifische Bewertungsformate - zum Beispiel der Leistungsbewertung - im Vergleich von Organisationstypen? In welchem Verhältnis stehen formale und informale Bewertungspraktiken? Wie sind organisationale Bewertungspraktiken miteinander verwoben?

Wir freuen uns auf theoretische und empirische Beitragsvorschläge zu den genannten oder weiteren Fragestellungen bis zum 22.10.2017 (max. 2 Seiten) per E-Mail an: soziologie_der_bewertung@groups.uni-bremen.de

Download: Call for Papers

Literatur:
Cloutier, Charlotte/Jean-Pascal Gond/Bernard Leca (Hrsg.) (2017): Justification, evaluation and critique in the study of organizations: Contributions from French pragmatist sociology. Research in the Sociology of Organizations 52. Bingley: Emerald.
Hutter, Michael/David Stark (2015): Pragmatist perspectives on valuation: An introduction. In: Ariane Berthoin Antal/Michael Hutter/David Stark (Hrsg.), Moments of valuation. Exploring sites of dissonance. Oxford: Oxford University Press, S. 15-36.
Kjellberg, Hans et al. (2013): Valuation Studies? Our collective two cents. In: Valuation Studies 1, S. 11-30.
Kornberger, Martin (2017): The values of strategy: Valuation practices, rivalry and strategic agency. In: Organization Studies. doi: 10.1177/0170840616685365
Lamont, Michèle (2012): Toward a comparative sociology of valuation and evaluation. In: Annual Review of Sociology 38, S. 201-221.
Peetz, Thorsten et al. (Hrsg.) (2016): Schwerpunkt "Soziologie der Bewertung". Berliner Journal für Soziologie 26 (3/4).


Kontakt:
Dr. Thorsten Peetz
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 9
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58594
E-Mail: peetz@uni-bremen.de

Prof. Dr. Gerd GlaeskeProf. Dr. Gerd Glaeske
Professor Gerd Glaeske veröffentlicht zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen im Rahmen der vergleichenden Versorgungsforschung zwei internationale Publikationen.

Die Verordnungshäufigkeit von ADHS-Medikamenten bei Kindern und Jugendlichen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten in den USA deutlich erhöht. Erstmals liegen zum Thema auch vergleichende Ergebnisse für Deutschland, Dänemark, die Niederlande, England und die USA vor. Eine internationale Forschergruppe um Professor Gerd Glaeske analysierte im Rahmen einer vergleichenden Versorgungsforschung die Medikamentengabe bei ADHS, unter Berücksichtigung von Prävalenz, Alter und Geschlecht. 

Die wiederholte Querschnittsanalyse von 2005-2012 kommt zu dem Ergebnis, dass trotz des verhältnismäßig geringeren Einsatzes in den vier europäischen Ländern, der Einsatz von ADHS Medikamenten (vorwiegend Methylphenidat) bei Kindern und Jugendlichen stark gewachsen ist. Dagegen kommt es bei der amerikanischen Kohorte nur zu einem moderaten Anstieg (nahezu gleichermaßen mit Methylphenidat und Amphetamin). 

Zusammen mit dem gleichen internationalen Expertenteam untersuchte Gerd Glaeske auch das Verschreibungsverhalten von Antidepressiva für Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahren. Nach einer Black-Box Warnung vor 12 Jahren zur Suizidgefahr bei Kindern und Jugendlichen nach der Einnahme von Antidepressiva kam es zu einem Rückgang der Verschreibungen. 

Die Ergebnisse der Studie mit Vergleichsdaten der o.a. Länder für den Zeitraum 2005-2012 sind jetzt veröffentlicht: die Verschreibungen steigen in Deutschland um 50% an; der Anstieg ist in Dänemark mit 60% am höchsten, in den Niederlanden mit 18 % am moderatesten. Dennoch erhalten in Deutschland nur 0,5% der Jugendlichen bis 19 Jahren überhaupt Antidepressiva. Diskutiert wird daher eine mögliche Unterversorgung bei den 3-6% an Depression erkrankten Kindern und Jugendlichen. Zum Vergleich werden in Dänemark und England an 1% und in den USA an 1,6 % dieser Altersgruppe Antidepressiva verordnet.

Weitere Informationen:
Bachmann, Christian J.; Wijlaars, Linda; Kalverdijk, Luuk J.; Burcu, Mehmet; Glaeske, Gerd; Schuiling-Veninga, Catharina C. M.; Hoffmann, Falk; Aagaard, Lise; Zito, Julie M., 2017: Trends in ADHD medication use in children and adolescents in five western countries, 2005-2012, in: European Neuropsychopharmacology, 27 (5), S. 484 - 493, doi:10.1016/j.euroneuro.2017.03.002

Bachmann, Christian J.; Aagaard, Lise; Burcu, Mehmet; Glaeske, Gerd; Kalverdijk, Luuk J.; Petersen, Irene; Schuiling-Veninga, Catharina C. M.; Wijlaars, Linda; Zito, Julie M.; Hoffmann, Falk, 2016: Trends and Patterns of antidepressant use in children and adolescents from five western countries, 2005-2012, in: European Neuropsychopharmacology, 26 (3), S. 411 - 419, doi:10.1016/j.euroneuro.2016.02.001


Kontakt:
Prof. Dr. Gerd Glaeske
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58559
E-Mail: gglaeske@uni-bremen.de

Tagungsbericht zur Fachtagung "Ageing - Health - Equity".

Der Wissenschaftsschwerpunkt "Gesundheitswissenschaften - Health Sciences" war am 29. und 30. Juni Veranstalter einer internationalen Fachtagung zum Thema "Altern, Gesundheit, Gerechtigkeit - Anforderungen an ein gerechtes Gesundheitssystem" im Konsul-Hackfeld-Haus. Über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligten sich lebhaft an den Diskussionen der beiden Tage.

Die Fachtagung war anhand von vier Sitzungen zu unterschiedlichen Aspekten des Schwerpunktthemas strukturiert. Es gab jeweils einen Keynote-Speaker und im Anschluss einen oder mehrere Vorträge zu dem Thema, in denen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler über einschlägige Forschungsprojekte berichteten. In der ersten Sitzung legte James Nazroo von der Universität Manchester dar, wie stark Gesundheitszustand und gesundheitliche Versorgung im Alter von sozialen Umständen geprägt wird. Er schlug als wesentliche Policy-Ansätze zur Verminderung dieser gesundheitlichen Ungleichheit die Fokussierung auf das Thema "Wohnen im Alter" sowie auf ein für alle auskömmlichen Rentenniveau vor und begründete dies mit aktuellen Entwicklungen insbesondere in Großbritannien. Einen sehr guten Anschluss an diesen Beitrag bildete der sich anschließende Vortrag zu sozioökonomischer Ungleichheit und nicht abgedeckten Versorgungsbedarfen bei Älteren (Jens Hoebel, RKI Berlin). Ungerechtigkeit bei den Zugängen zur Langzeitpflege im europäischen Vergleich wurde anschließend vorgestellt und diskutiert (Stefania Ilianca, Wien).
Die zweite Sitzung stand unter dem Fokus "Qualifikationsanforderungen und Ausbildung der Gesundheitsberufe". Carol Hall von der Universität Nottingham und Repräsentantin in zahlreichen europäischen Arbeitsgruppen diskutierte in ihrem Beitrag die Wirkungen von Regelwerken auf europäischer Ebene auf nationale (Pflege) Bildungssysteme. In einem weiteren Beitrag zweier Kolleginnen der Universität Maastricht wurde die Entwicklung eines neuen Qualifikationsprofils, des "Geriatric Family Companion" präsentiert (Elisabeth Dorant, Theresia Krieger, Maastricht).
Gegenstand der dritten Sitzung war "Prävention und das Gesunde Altern". Clemens Tesch-Römer, Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen, gab einen lebendigen und kritischen Einblick in das vieldiskutierte Konzept des "erfolgreichen Alterns" und plädierte für einen breiteren Ansatz, der auch positive Aspekte des Alterns bei Menschen mit vorhandenen gesundheitlichen Einschränkungen umfasst. Eine Analyse zur Zeitnutzung für verschiedene Tätigkeiten des Alltags als alternativen Ansatz zur Untersuchung von Gender- und anderen Einflüssen auf den Gesundheitszustand folgte auf diesen Beitrag (Nicholas Adjei, Bremen).
Die vierte Sitzung beschäftigte sich mit "Altern und Diversity: Anforderungen an Versorgungssysteme". Die Keynote-Speakerin, Janine Suurmond von der Universität Amsterdam stellte Befunde aus den Niederlanden zur Versorgung von alten Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen vor. Im anschließenden Beitrag wurde eine Studie zum Thema Gesundheitsförderung am Beispiel der Freizeitbewegungsaktivitäten von Menschen mit Migrationshintergrund präsentiert (Johanna Schönbach, Uni Bremen).

Ein besonderer Höhepunkt war die Abendveranstaltung in der oberen Rathaushalle, bei der die Senatorin Eva Quante-Brandt als Schirmherrin der Tagung zunächst über die Ergebnisse der Gesundheitsministerkonferenz in der Vorwoche informierte und anschließend in einer Podiumsdiskussion Rede und Antwort stand. Unter der Moderation von Ingrid Darmann-Finck und Hajo Zeeb vom Wissenschaftsschwerpunkt diskutieren die Senatorin, Clemens Tesch-Römer, Heinz Rothgang (SOCIUM, Universität Bremen und Wissenschaftsschwerpunkt) sowie Alexander Künzel von der Bremer Heimstiftung über neue Ansätze in der Verminderung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit im Alter. Das sehr aktiv an der Diskussion beteiligte Publikum umfasste Tagungsteilnehmende und viele Interessierte u.a. aus Verbänden, Ärzteschaft und Gesundheitswirtschaft.

Weitere Informationen:
Webseite zur Public Health Tagung: Aktuelle Gesundheitsforschung: Altern - Gesundheit - Gerechtigkeit


Kontakt:
Prof. Dr. Heinz Rothgang
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58557
E-Mail: rothgang@uni-bremen.de

Dipl. Soz. Kai Huter
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58547
E-Mail: huter@uni-bremen.de

Prof. Dr. Karin GottschallProf. Dr. Karin Gottschall
Fördernetzwerk "Interdisziplinäre Sozialforschung (FIS)" des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales stellt dem SOCIUM 1,1 Millionen Euro als Anschubfinanzierung zur Verfügung.

Großer Erfolg für das SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen: Der Antrag der Bremer Soziologieprofessorin Karin Gottschall beim Fördernetzwerk "Interdisziplinäre Sozialforschung" für die Einrichtung der Stiftungsprofessur "Lebenslauforientierte Sozialpolitik" wurde bewilligt. Das FIS finanziert die im Fachbereich Sozialwissenschaften und am SOCIUM angegliederte Professur mit Ausstattung für die kommenden fünf Jahre mit 1,1 Millionen Euro. Die neue Professur wird sich in Forschung und Lehre auf den Zusammenhang von Erwerbsbiographien, Sozialpolitik und sozialer Ungleichheit konzentrieren.

Risiken im Lebensverlauf
Der deutsche Arbeitsmarkt ist durch eine seit Jahrzehnten anhaltend hohe Arbeitslosigkeit einzelner Arbeitsmarktgruppen und die Zunahme unsicherer Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichnet. Die Vorstellung eines ununterbrochenen Erwerbsverlaufs bis zum Renteneintritt scheint immer unrealistischer, ein Thema, das unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren zunehmend prägen wird. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Stiftungsprofessur liegen bei neuen und alten Risiken veränderter Erwerbsverläufe und Lebensformen. Darüber hinaus wird sie sich mit den Wirkungen jüngerer sozialpolitischer Reformen in Arbeitsmarkt und Alterssicherung in Deutschland und im internationalen Vergleich auseinandersetzen. Dabei werden spezifische Gruppen - wie Frauen, Personen mit Migrationshintergrund, Erwerbsgeminderte oder Alleinselbständige - in den Blick genommen und der individuelle und gruppenspezifische Umgang mit sozialen Risiken im Lebensverlauf wie auch der alltäglichen Lebensführung untersucht.

Die Professur will zugleich sozialwissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse zu kontrovers diskutierten gesellschaftlichen Fragen wie etwa Lebensstandardsicherung und Armutsrisiken bereitstellen und einen Beitrag zu einer lebenslauforientierten und nachhaltigen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik leisten. Damit fördert die Ausrichtung der Professur die am SOCIUM etablierte Einheit von Sozialpolitikforschung und soziologischer Ungleichheitsforschung und ermöglicht eine weitere Profilierung interdisziplinärer vergleichender Wohlfahrtsstaatsforschung an der Universität Bremen.

Das Bremer SOCIUM
Das SOCIUM ist bundesweit das einzige sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut, das Fragen von Ungleichheit, Sozialpolitik sowie deren gesellschaftliche und politische Wechselwirkungen empirisch wie theoretisch untersucht. Der Fokus der Arbeit liegt auf der fächerübergreifenden Forschung zu den sozialen, ökonomischen, politischen, kulturellen, organisatorischen, rechtlichen, historischen und sozial-medizinischen Bedingungen.

Fördernetzwerk "Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung"
Das 2016 vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales eingerichtete Fördernetzwerk "Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung" finanziert Forschergruppen, Forschungsprojekte und Stiftungsprofessuren und fördert damit innovative Ansätze in der Sozialpolitikforschung.

Weitere Informationen: Fördernetzwerk "Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung"


Kontakt:
Prof. Dr. Karin Gottschall
SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58595
E-Mail: karin.gottschall@uni-bremen.de